Rostock – wo Möwen Schutzgeld verlangen und Touristen einfallen
Eine nicht ganz ernst gemeinte Liebeserklärung an Rostock, Warnemünde und eine gefiederte Unterwelt, die offenbar längst die Kontrolle über unsere Fischbrötchen übernommen hat.
Warst du eigentlich schon einmal in Rostock?
Nein? Dann wird es höchste Zeit.
Rostock ist eine wunderschöne Stadt irgendwo im Norden Deutschlands. Nicht allzu weit von Hamburg und Berlin entfernt, direkt an der Warnow gelegen und mit der Ostsee praktisch vor der Haustür.
Hier findest du historische Backsteingebäude, gemütliche Gassen, einen wunderschönen Stadthafen, maritime Traditionen und Menschen, die selbst bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt noch behaupten, es sei eigentlich ganz angenehm draußen.
Und dann wären da noch unsere Möwen.
Mal im Ernst. Was ist mit diesen Tieren passiert?
Während man in anderen Hafenstädten niedliche kleine Möwen beobachten kann, die friedlich durch die Luft gleiten, scheinen bei uns Exemplare herumzufliegen, die irgendwann einmal mit einem Seeadler gekreuzt wurden.
Manche sehen aus, als würden sie regelmäßig ins Fitnessstudio gehen. Andere wirken, als hätten sie bereits mehrere Haftstrafen wegen schweren Fischbrötchendiebstahls hinter sich.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass irgendwo in Warnemünde die Mutter aller Möwen lebt. Ein gewaltiges, uraltes Wesen, das nur alle hundert Jahre seinen Horst verlässt, um einem ahnungslosen Touristen eine komplette Familienpizza abzunehmen.
Willkommen in Rostock. Wo die Ostsee wunderschön ist, der Wind kostenlos und die Möwen vermutlich längst eine eigene kriminelle Vereinigung gegründet haben.
Rostock – eine Stadt mit Geschichte. Und ziemlich guten Immobiliengeschäften.
Fangen wir einmal ganz von vorne an.
Rostock ist nämlich nicht irgendeine Stadt, die irgendwann beschlossen hat, ein paar Häuser an einen Fluss zu bauen und sich anschließend Hansestadt zu nennen.
Nein. Rostock hat Geschichte. Richtig viel sogar.
Bereits 1218 erhielt Rostock das Stadtrecht. Damals gab es weder Smartphones noch Navigationsgeräte oder Lieferdienste. Wer etwas essen wollte, musste es selbst organisieren. Vermutlich unter erschwerten Bedingungen, weil die Möwen auch damals schon alles geklaut haben.
Im Mittelalter entwickelte sich Rostock zu einer bedeutenden Hansestadt. Hier wurde gehandelt, gebaut, verschifft und vermutlich schon damals darüber gestritten, wer für die Instandhaltung der Straßen zuständig ist.
Besonders bemerkenswert finde ich eine historische Tatsache: Im Jahr 1323 erwarb Rostock Warnemünde.
Ja, richtig gelesen.
Rostock hat sich Warnemünde gekauft.
Heute diskutieren Städte über Haushaltslöcher, Fördermittel und die Finanzierung eines neuen Kreisverkehrs. Damals sagte man offenbar: „Wir brauchen einen besseren Zugang zur Ostsee. Kaufen wir doch einfach das Fischerdorf da vorne.“
Und dann machte man das.
Ich stelle mir die damalige Stadtratssitzung ungefähr so vor:
„Meine Herren, wir haben ein Problem.“
„Welches denn?“
„Uns fehlt ein vernünftiger Zugang zum Meer.“
„Können wir da nicht irgendwas kaufen?“
„Warnemünde wäre noch zu haben.“
„Gut. Nehmen wir.“
Das war historisch natürlich etwas komplizierter. Aber ich finde, die Vorstellung hat ihren Reiz.
Und sie erklärt vielleicht auch, warum Rostocker Warnemünde bis heute mit einer gewissen Selbstverständlichkeit als ihren Strand betrachten.
Wir haben ihn schließlich gekauft.
Gut, nicht persönlich. Und auch nicht gestern.
Aber das sind Details.
Eine Universität, die älter ist als so manche europäische Idee
Auch Bildung hat in Rostock eine lange Tradition.
Bereits 1419 wurde hier eine Universität gegründet. Sie gilt als älteste Universität im Ostseeraum.
Das muss man sich einmal vorstellen.
Während andernorts noch überlegt wurde, wie man Wissen am besten weitergibt, wurde in Rostock bereits studiert.
Natürlich gab es damals noch keine PowerPoint-Präsentationen, Onlinevorlesungen oder Studenten, die fünf Minuten vor Abgabeschluss ihre Hausarbeit hochladen.
Dafür hatte man Pest, schlechte Straßen und vermutlich ausgesprochen unbequeme Hörsäle.
Aber immerhin: Rostock war früh dabei.
Noch heute prägt die Universität das Stadtbild. Besonders rund um den Universitätsplatz, wo sich historische Gebäude, Studenten, Einheimische und Menschen treffen, die einfach nur durch die Innenstadt schlendern wollen.
Und wenn du dort den Brunnen der Lebensfreude entdeckst, solltest du ruhig einen Moment stehen bleiben.
Ein Brunnen mit Figuren, Wasserfontänen und einer gewissen künstlerischen Freiheit, die bereits zu zahlreichen Spitznamen geführt hat.
Wir Rostocker nennen ihn schließlich nicht ohne Grund auch Pornobrunnen.
Andere Städte haben ehrwürdige Denkmäler großer Feldherren.
Wir haben einen Brunnen, über dessen Figuren man wunderbar diskutieren kann.
Auch das ist Kultur.
Die Rostocker Möwe – wenn die Evolution einen schlechten Tag hatte
Es gibt Möwen. Und es gibt Rostocker Möwen.
Das ist ein Unterschied, den man nicht unterschätzen sollte.
Während in anderen Küstenregionen kleine, niedliche Seevögel durch die Luft gleiten, haben wir in Rostock und Warnemünde offenbar eine ganz besondere Züchtung abbekommen.
Ich weiß nicht, was hier irgendwann schiefgelaufen ist. Vielleicht gab es vor einigen Jahrzehnten einen geheimen Zwischenfall in irgendeinem Forschungslabor. Vielleicht hat jemand versehentlich Wachstumshormone ins Hafenbecken gekippt. Oder die Evolution hat einfach beschlossen, dass die Ostseeküste dringend eine neue Spitzenprädatorenart benötigt.
Anders kann ich mir diese Tiere jedenfalls nicht erklären.
Unsere Möwen sehen teilweise aus, als hätten sie jahrelang ausschließlich Proteinshakes getrunken und nebenbei einen Intensivkurs in Einschüchterung absolviert.

Da sitzt so ein Exemplar auf einem Poller am Alten Strom und schaut dich an. Nicht irgendwie niedlich oder neugierig. Nein. Es mustert dich. Von oben bis unten.
Du hast plötzlich das Gefühl, eine offene Rechnung bei diesem Vogel zu haben.
Manche dieser Möwen sind so gewaltig, dass man sich ernsthaft fragt, ob sie noch zur Familie der Seevögel gehören oder bereits als kleinere Flugzeuge zugelassen werden müssten.
Ich habe Exemplare gesehen, bei denen ich mir ziemlich sicher bin, dass sie bei starkem Gegenwind nicht landen, sondern einfach rückwärts einparken.
Andere wirken, als könnten sie problemlos einen ausgewachsenen Dackel davontragen. Vermutlich sogar mitsamt Leine und überraschter Besitzerin.
Natürlich ist das biologisch völliger Unsinn.
Aber schau dir diese Viecher doch mal an!
Besonders beeindruckend finde ich ihre Körpersprache. Eine gewöhnliche Möwe hüpft vielleicht ein bisschen herum und sucht nach Futter.
Eine Warnemünder Möwe marschiert.
Mit breiter Brust. Erhobenem Kopf. Und diesem Blick, den sonst nur Türsteher haben, wenn man mit Turnschuhen in einen exklusiven Nachtclub möchte.
Ich bin überzeugt, dass irgendwo in Warnemünde die Mutter aller Möwen lebt.
Ein gewaltiges, uraltes Tier mit drei Metern Flügelspannweite, einer tiefen Stimme und einem eigenen Parkplatz am Alten Strom.
Die anderen Möwen nennen sie wahrscheinlich nur „Mutti“.
Wenn Mutti erscheint, verstummen die anderen Vögel. Die Fischkutter legen vorsichtshalber ab. Und selbst die Seeadler überlegen kurz, ob sie heute nicht lieber woanders jagen.
Wissenschaftlich belegt ist das bislang nicht.
Aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass sich noch kein Forscher nah genug herangetraut hat.
Ich würde jedenfalls dringend davon abraten, eine dieser Möwen mit den Worten „Na, du kleines Vögelchen“ anzusprechen.
Das könnte als Provokation verstanden werden.
Und dann hast du ein Problem.
Ein ziemlich großes.
Mit Flügeln.
Der Stadthafen – wo die Zeit ein bisschen langsamer läuft
Wenn du Rostock besuchst, solltest du unbedingt zum Stadthafen gehen.
Hier zeigt die Stadt eine ihrer schönsten Seiten.
Die Warnow glitzert in der Sonne, Boote liegen am Wasser, historische Speicher erinnern an vergangene Zeiten und irgendwo sitzt garantiert jemand auf einer Bank und schaut einfach nur aufs Wasser.
Ohne Handy. Ohne Termin. Ohne irgendeinen erkennbaren Grund.
Einfach so.
Eine Tätigkeit, die in unserer modernen Gesellschaft beinahe schon revolutionär wirkt.
Der Stadthafen hat diesen ganz besonderen Charme. Er ist nicht übertrieben herausgeputzt, nicht künstlich romantisch und auch keine riesige touristische Erlebniswelt, in der man für das Fotografieren eines Pollers Eintritt bezahlen muss.
Hier kann man einfach spazieren gehen.
Vielleicht ein Eis essen. Vielleicht etwas trinken. Vielleicht auf die Warnow schauen und darüber nachdenken, warum man eigentlich nicht öfter hier sitzt.
Natürlich gibt es auch am Stadthafen Möwen.
Aber diese Exemplare wirken im Vergleich zu ihren Warnemünder Verwandten fast schon zivilisiert.
Vielleicht liegt es daran, dass sie mehr Platz haben.
Vielleicht aber auch daran, dass sich die wirklich schweren Jungs längst das lukrativere Revier am Alten Strom gesichert haben.
Die Rostocker Altstadt – Backstein, Geschichte und überraschend viel Gemütlichkeit

Rostock ist keine Stadt, die ihre Schönheit auf den ersten Blick vollständig preisgibt.
Natürlich gibt es die Kröpeliner Straße, das Kröpeliner Tor, das Rathaus und die großen Kirchen. Aber besonders schön finde ich die kleinen Straßen und Ecken, in denen man noch etwas vom alten Rostock spüren kann.
Rund um die östliche Altstadt, die Petrikirche und den Alten Markt begegnet dir eine andere Seite der Stadt.
Backsteinfassaden, schmale Gassen, historische Gebäude und diese besondere Ruhe, die man mitten in einer Stadt gar nicht unbedingt erwartet.
Manchmal fühlt es sich an, als hätte jemand die Zeit ein bisschen zurückgedreht.
Und das, obwohl Rostock im Zweiten Weltkrieg schwere Zerstörungen erlebt hat und sich die Stadt über Jahrzehnte immer wieder verändern musste.
Nicht alles ist erhalten geblieben. Nicht alles wurde wieder aufgebaut. Und manches sieht heute völlig anders aus als früher.
Aber gerade diese Mischung macht Rostock aus.
Hier stehen jahrhundertealte Gebäude neben moderner Architektur. Geschichte neben Alltag. Tradition neben Veränderung.
Und zwischendurch fährt eine Straßenbahn vorbei, deren Fahrer vermutlich schon zum dritten Mal an diesem Tag erlebt, dass jemand im letzten Moment noch über die Straße rennen muss.
Rostock ist eben keine Museumsstadt.
Rostock lebt.
Der norddeutsche Wetterbericht: Es könnte schlimmer sein
Bevor wir nach Warnemünde fahren, müssen wir noch über eine wichtige Sache sprechen.
Das Wetter.
Denn wer an die Ostsee reist, sollte wissen, dass wir hier ein etwas anderes Verhältnis zu meteorologischen Erscheinungen haben.
In Süddeutschland spricht man von schlechtem Wetter, wenn es drei Tage hintereinander regnet.
Bei uns ist schlechtes Wetter, wenn der Regen waagerecht kommt und du Schwierigkeiten bekommst, die Haustür zu öffnen.
Alles andere ist grundsätzlich akzeptabel.
Ein typischer Sommertag an der Ostsee kann mit strahlendem Sonnenschein beginnen, sich mittags in eine steife Brise verwandeln und am Nachmittag Temperaturen erreichen, bei denen Touristen plötzlich ihre gesamte Urlaubsgarderobe infrage stellen.
Der Rostocker selbst bleibt gelassen.
„Bisschen frisch heute.“
Das sagt er auch dann noch, wenn neben ihm gerade ein Sonnenschirm Richtung Schweden abhebt.
Besonders interessant wird es, wenn Touristen am Strand versuchen, eine Strandmuschel aufzubauen.
Da stehen dann zwei Erwachsene, die offensichtlich im Alltag verantwortungsvolle Berufe ausüben, und kämpfen zwanzig Minuten lang gegen ein Stück Stoff.
Einer hält die Stangen fest. Der andere liest die Anleitung. Das Kind weint. Der Wind gewinnt.
Am Ende steht die Strandmuschel.
Für ungefähr sieben Sekunden.
Dann beginnt das Schauspiel von vorn.
An der Ostsee braucht man keinen Abenteuerurlaub. Es reicht völlig, bei Windstärke sechs einen Sonnenschirm aufzustellen.
Warnemünde – die Perle der Ostsee
Kommen wir nun zu einem Ort, der wirklich etwas Besonderes ist.
Warnemünde.
Ein wunderschönes ehemaliges Fischerdorf an der Mündung der Warnow, das sich über die Jahrhunderte zu einem beliebten Seebad entwickelt hat.
Hier findest du den Alten Strom mit seinen Fischkuttern, kleinen Geschäften und Restaurants. Dazu den Leuchtturm, den berühmten Teepott, eine herrliche Strandpromenade und einen breiten Sandstrand, der an schönen Tagen beinahe endlos wirkt.
Wenn du im Frühling oder Herbst nach Warnemünde kommst, kannst du erleben, warum dieser Ort so viele Menschen begeistert.
Du schlenderst am Alten Strom entlang, hörst die Möwen, riechst die salzige Luft und beobachtest die Schiffe, die durch die Hafeneinfahrt fahren.
Alles wirkt entspannt.
Fast ein bisschen verträumt.
Man könnte stundenlang am Wasser sitzen und einfach nur die Atmosphäre genießen.
Und dann kommt der Sommer.
Sommer in Warnemünde – wenn die Invasion beginnt
Es gibt einen Moment im Jahr, an dem viele Rostocker eine wichtige Entscheidung treffen.
Fahren wir heute nach Warnemünde?
Oder möchten wir unseren freien Tag lieber überleben?
Denn sobald die Temperaturen steigen und die Sonne länger als drei Stunden am Himmel bleibt, passiert etwas Erstaunliches.
Warnemünde verwandelt sich.
Aus dem gemütlichen Ostseebad wird innerhalb kürzester Zeit eine internationale Touristenhochburg.
Plötzlich sind sie überall.
Menschen mit Sonnenhüten. Menschen mit riesigen Strandtaschen. Menschen, die aussehen, als hätten sie ihren gesamten Hausstand für einen sechsstündigen Strandbesuch eingepackt.
Familien mit Bollerwagen, Kühltaschen, Luftmatratzen, Sonnenschirmen, Campingstühlen und aufblasbaren Flamingos.
Manche führen Ausrüstung mit sich, mit der man problemlos eine mittelgroße Forschungsstation in der Antarktis errichten könnte.
Und alle haben dasselbe Ziel.
Den Strand.
Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich im Sommer kaum noch ein Rostocker freiwillig nach Warnemünde traut.
Nicht, weil wir unsere Ostsee nicht lieben.
Sondern weil wir befürchten, dass dort gerade ein internationales Überfallkommando eingefallen ist.
Die S-Bahn Richtung Warnemünde wird zur Expedition. Am Alten Strom herrscht stellenweise eine Fußgängerdichte, bei der selbst Großveranstaltungen neidisch werden könnten.
Und am Strand beginnt die Suche nach einem freien Platz.
Da liegen Menschen dicht an dicht, während irgendwo ein Familienvater versucht, sein Handtuch auf den letzten verbliebenen 40 Quadratzentimetern Sand auszubreiten.
„Hier ist doch noch Platz!“
Ja, theoretisch.
Wenn man die Beine anzieht, nicht atmet und den Sonnenschirm des Nachbarn als gemeinschaftliche Infrastruktur betrachtet.
Besonders schön ist der Moment, wenn jemand laut verkündet, er habe endlich einen ruhigen Platz gefunden.
Direkt neben einer Familie mit vier Kindern, einem Bluetooth-Lautsprecher und einem Hund, der offenbar beschlossen hat, sämtliche Strandbesucher persönlich kennenzulernen.
Aber irgendwie gehört das alles dazu.
Warnemünde lebt im Sommer.
Und ganz gleich, wie voll es wird: Wenn du am Abend am Strand stehst, die Sonne langsam tiefer sinkt und die Ostsee in diesem besonderen Licht schimmert, weißt du wieder, warum dieser Ort so beliebt ist.
Vorausgesetzt, du findest noch einen freien Blick aufs Wasser.

Die Möwenmafia – organisierte Kriminalität am Alten Strom
Was viele Touristen nicht wissen: In Warnemünde existiert offenbar seit Jahren eine kriminelle Organisation, die sich auf den gewerbsmäßigen Diebstahl von Fischbrötchen, Pommes und anderen leicht transportierbaren Lebensmitteln spezialisiert hat.
Die Behörden sprechen bislang lediglich von auffälligem Verhalten einzelner Seevögel.
Ich halte das für eine gefährliche Verharmlosung.
Denn wer die Tiere längere Zeit beobachtet, erkennt schnell, dass hier nichts dem Zufall überlassen wird.

Das ist keine zufällige Nahrungssuche. Das ist ein Geschäftsmodell.
Die Organisation verfügt offenbar über eine klare Hierarchie.
Ganz oben steht der Pate. Ein besonders massiges Exemplar, das auf dem Dach eines Fischrestaurants residiert und vermutlich seit 2008 keinen einzigen Flügelschlag mehr selbst erledigen musste.
Unter ihm arbeiten die sogenannten Revierchefs.
Einer kontrolliert den Alten Strom. Ein anderer die Strandpromenade. Ein dritter hat sich auf die besonders lukrativen Verkaufsstände rund um den Leuchtturm spezialisiert.
Und dann gibt es die Fußsoldaten.
Junge, ehrgeizige Möwen, die sich ihre Sporen zunächst mit kleineren Delikten verdienen müssen.
Hier eine Pommes.
Dort ein Stück Brötchen.
Später vielleicht ein unbeaufsichtigtes Eis.
Wer sich bewährt, darf irgendwann bei einem größeren Fischbrötchenüberfall mitfliegen.
Die Vorgehensweise ist dabei erschreckend professionell.
Phase eins: Die Observation.
Ein Tourist kauft sich am Alten Strom ein Fischbrötchen.
Innerhalb weniger Sekunden wird er erfasst.
Eine Möwe auf dem Dach übernimmt die Luftüberwachung. Zwei weitere positionieren sich auf benachbarten Pollern. Eine vierte gibt sich als harmlose Passantin aus.
Phase zwei: Die Ablenkung.
Eine besonders lautstarke Möwe kreischt plötzlich hinter dem Touristen.
Der dreht sich um.
Ein klassischer Anfängerfehler.
Phase drei: Der Zugriff.
Von der Seite nähert sich ein weiteres Exemplar im Tiefflug.
Präzise. Lautlos. Mit einer Geschwindigkeit, bei der selbst die Bundeswehr neidisch werden könnte.
Ein gezielter Schnabelgriff.
Und das Fischbrötchen wechselt den Besitzer.
Phase vier: Die Flucht.
Der Täter verschwindet über den Dächern Warnemündes.
Zurück bleibt ein völlig verstörter Tourist, der immer noch seine leere Serviette festhält.
Und irgendwo auf einem Dach wird die Beute unter den Beteiligten aufgeteilt.
Ich vermute, dass dabei streng nach Dienstgrad abgerechnet wird.
Der Pate bekommt den Fisch.
Der Revierchef das Brötchen.
Und der Nachwuchs darf die Remoulade von der Verpackung lecken.
Natürlich gibt es auch Rivalitäten.
Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie zwei Möwenfamilien nachts auf dem Dach des Teepotts zusammentreffen, um über die Aufteilung der Strandabschnitte zu verhandeln.
„Der Bereich zwischen Leuchtturm und Mole gehört uns.“
„Vergiss es. Ihr habt schon die Fischbuden.“
„Dann wollen wir wenigstens die Pommesstände.“
Ein falsches Kreischen, und die Situation eskaliert.
Am nächsten Morgen liegen überall Federn.
Die Polizei spricht von einem gewöhnlichen Revierkampf.
Die Einheimischen wissen es besser.
Besonders perfide ist übrigens die psychologische Kriegsführung.
Manche Möwen stehlen gar nichts.
Sie sitzen einfach nur da.
Direkt neben dir.
Und starren auf dein Essen.
Minutenlang.
Ohne zu blinzeln.
Du fühlst dich beobachtet. Du wirst nervös. Du beginnst schneller zu essen.
Irgendwann gibst du freiwillig eine Pommes ab, nur damit endlich Ruhe ist.
Das ist kein Betteln mehr. Das ist Schutzgelderpressung.
Und wir machen auch noch mit!
Ich bin deshalb der Meinung, dass die Stadt dringend eine Sonderkommission einrichten sollte.
Die „Soko Fischbrötchen“.
Mit verdeckten Ermittlern, Luftüberwachung und einem Zeugenschutzprogramm für besonders gefährdete Touristen.
Vielleicht könnte man sogar ein Fahndungsplakat am Alten Strom aufhängen:
GESUCHT:
Unbekannte Großmöwe, etwa 80 Zentimeter hoch, kräftiger Körperbau, auffällig selbstbewusstes Auftreten. Zuletzt gesehen beim Verlassen eines Fischbrötchenstandes mit fremdem Eigentum. Gilt als gefräßig und uneinsichtig.
Hinweise bitte an die nächste Fischbude.
Aber Vorsicht.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Möwen inzwischen auch dort ihre Informanten haben.
Und wenn du glaubst, dass ich das alles maßlos übertreibe, dann kauf dir bei deinem nächsten Warnemünde-Besuch einfach ein Fischbrötchen.
Stell dich damit gut sichtbar an den Alten Strom.
Und warte.
Ich gebe dir drei Minuten.
Zwei, wenn Remoulade drauf ist.
Die Hanse Sail – wenn Rostock plötzlich die ganze Welt zu Gast hat
Es gibt allerdings ein Ereignis, bei dem selbst wir Rostocker freiwillig größere Menschenmengen in Kauf nehmen.
Die Hanse Sail.
Jedes Jahr im August verwandeln sich der Rostocker Stadthafen, Warnemünde und die umliegenden Hafenbereiche in eine riesige maritime Erlebniswelt.
Traditionssegler, historische Schiffe und beeindruckende Großsegler kommen zusammen. Überall gibt es etwas zu entdecken, zu bestaunen oder zu fotografieren.
Und ich muss sagen: Das ist wirklich etwas Besonderes.
Wenn diese wunderschönen alten Segelschiffe mit ihren hohen Masten im Hafen liegen, bekommt man eine Ahnung davon, wie eng Rostocks Geschichte mit der Seefahrt verbunden ist.
Manchmal könnte man fast glauben, die alten Hansekaufleute wären zurückgekehrt.
Nur dass sie heute vermutlich mit Kartenterminals arbeiten und für einen Becher Kaffee einen kleinen Kredit anbieten würden.
Natürlich ist die Hanse Sail auch ein Fest der Menschenmassen.
Wer hier einen ruhigen Spaziergang erwartet, hat sich vermutlich im Veranstaltungskalender vertan.
Aber die Atmosphäre ist großartig.
Schiffe, Musik, maritime Tradition, kulinarische Angebote und dieses besondere Gefühl, dass Rostock für ein paar Tage zum Mittelpunkt der Segelwelt wird.
Selbst unsere Möwen scheinen in dieser Zeit besonders aufgeregt zu sein.
So viele Menschen.
So viele Fischbrötchen.
So viele Möglichkeiten.
Für die gefiederte Unterwelt ist die Hanse Sail vermutlich das, was für andere Unternehmen das Weihnachtsgeschäft bedeutet.
Hauptsaison.
Ich würde mich nicht wundern, wenn irgendwo auf einem Hafendach eine Möwe mit Lesebrille sitzt und den Jahresumsatz berechnet.
Warnemünde im Herbst – wenn wir unsere Stadt zurückbekommen
So schön der Sommer auch ist, ich finde, Warnemünde hat außerhalb der Hauptsaison einen ganz besonderen Charme.
Wenn die großen Touristenströme verschwinden, die Strandkörbe weniger werden und wieder etwas mehr Ruhe einkehrt, zeigt sich das Ostseebad von einer anderen Seite.
Dann kannst du am Alten Strom entlangspazieren, ohne ständig ausweichen zu müssen.
Du kannst am Strand stehen und dem Meer zuhören.
Du kannst die Wellen beobachten, den Wind im Gesicht spüren und einfach mal nichts tun.
Und genau das ist manchmal das Schönste.
Kein Gedränge. Keine hektische Suche nach einem Parkplatz. Keine Expedition mit Bollerwagen und Sonnenschirm.
Nur das Meer.
Der Strand.
Und du.
Gut, die Möwen sind natürlich immer noch da.
Aber jetzt haben sie weniger Kundschaft.
Vielleicht erklärt das, warum sie im Herbst gelegentlich noch etwas entschlossener wirken.
Auch Kleinkriminelle müssen schließlich über den Winter kommen.
Der Rostocker – ein Mensch mit besonderem Charme
Vielleicht sollte ich noch ein paar Worte über uns Rostocker verlieren.
Denn wir Norddeutschen haben ja den Ruf, etwas wortkarg zu sein.
Das ist selbstverständlich eine bösartige Unterstellung.
Wir reden durchaus gerne.
Nur eben nicht ständig.
Ein freundliches „Moin“ reicht bei uns für fast jede Gelegenheit.
Zur Begrüßung.
Beim Betreten eines Geschäfts.
Beim Treffen mit Nachbarn.
Oder als vollständiger Gesprächsbeitrag, wenn gerade nichts weiter zu sagen ist.
Wenn du einen Rostocker fragst, wie es ihm geht, und er antwortet mit „Muss ja“, dann solltest du dir keine Sorgen machen.
Das bedeutet ungefähr: Alles läuft seinen gewohnten Gang.
„Kann man nicht meckern“ ist bereits ein ausgesprochen positives Urteil.
Und wenn ein Rostocker sagt „Jo, ist ganz schön hier“, dann hat er vermutlich gerade einen der schönsten Sonnenuntergänge seines Lebens erlebt.
Wir machen eben nicht aus allem ein großes Theater.
Außer vielleicht, wenn jemand behauptet, Warnemünde gehöre eigentlich nicht zu Rostock.
Dann könnte die Stimmung kurz kippen.
Wir haben den Ort schließlich 1323 gekauft.
Ich erwähne das nur noch einmal.
Rostock kann auch anders – zwischen Großstadt, Meer und Gelassenheit
Was Rostock für mich besonders macht, ist diese Mischung.
Du hast eine lebendige Universitätsstadt mit Kultur, Geschichte, Geschäften und Veranstaltungen.
Du hast Stadtteile mit ganz unterschiedlichem Charakter.
Die lebendige Kröpeliner-Tor-Vorstadt, die historische Altstadt, die Wohngebiete, die Parks, die Warnow und natürlich den Hafen.
Und nur ein Stück weiter beginnt eine völlig andere Welt.
Wald, Küste, Strand und Ostsee.
Du kannst morgens durch die Innenstadt schlendern, mittags am Stadthafen sitzen und am Nachmittag am Strand stehen.
Alles, ohne dafür erst in ein Flugzeug steigen zu müssen.
Rostock ist groß genug, um einiges zu bieten, und gleichzeitig überschaubar genug, um sich nicht ständig wie in einer anonymen Millionenstadt zu fühlen.
Natürlich ist auch hier nicht alles perfekt.
Es gibt Baustellen, volle Straßen, Parkplatzprobleme und gelegentlich Entscheidungen, bei denen man sich fragt, ob die Verantwortlichen vorher ausreichend geschlafen haben.
Aber welche Stadt hat das nicht?
Rostock muss auch gar nicht perfekt sein.
Es reicht völlig, dass diese Stadt ihren ganz eigenen Charakter besitzt.
Einen Charakter, der nicht aus Hochglanzprospekten entsteht, sondern aus Geschichte, Menschen, Wasser, Wind und einer ordentlichen Portion norddeutscher Eigenwilligkeit.
Die Hanse Sail – wenn Rostock plötzlich die ganze Welt zu Gast hat
Einmal im Jahr verwandelt sich der Rostocker Stadthafen in ein riesiges maritimes Spektakel. Zur Hanse Sail kommen beeindruckende Traditionssegler, unzählige Besucher und vermutlich sämtliche Möwen Mecklenburg-Vorpommerns, die rechtzeitig von den hervorragenden Verdienstmöglichkeiten erfahren haben.

Während die Menschen ehrfürchtig die historischen Schiffe bestaunen, läuft bei der gefiederten Unterwelt längst das Jahresendgeschäft. Fischbrötchen werden abgefangen, Pommesbestände kontrolliert und besonders unaufmerksame Touristen als Premiumkunden eingestuft.
Die Hanse Sail ist eben mehr als ein maritimes Volksfest. Sie ist auch die vermutlich größte unkontrollierte Fischbrötchen-Umverteilungsaktion Norddeutschlands.
Und das Beste: Die Möwen brauchen dafür nicht einmal einen Gewerbeschein.
Fünf Dinge, die du vor deiner Reise wissen solltest
Zum Abschluss noch ein paar wichtige Hinweise für alle, die Rostock und Warnemünde besuchen möchten.
Erstens: Unterschätze niemals den Wind.
Wenn du morgens bei Sonnenschein das Haus verlässt, bedeutet das nicht, dass du am Nachmittag noch dieselbe Frisur besitzt.
Zweitens: Kaufe niemals ein Fischbrötchen, ohne vorher den Luftraum zu kontrollieren.
Das ist keine Empfehlung. Das ist eine Überlebensstrategie.
Drittens: Fahre im Hochsommer nicht mit der Erwartung nach Warnemünde, den Strand für dich allein zu haben.
Diese Vorstellung ist ungefähr so realistisch wie ein leerer Weihnachtsmarkt am vierten Advent.
Viertens: Wenn ein Rostocker sagt, dass es heute ein bisschen windig ist, solltest du deine Gartenmöbel sichern.
Vorsichtshalber auch die der Nachbarn.
Fünftens: Nimm dir Zeit.
Rostock und Warnemünde sind keine Orte, die man einfach nur auf einer Liste abhakt.
Man sollte sie erleben.
Durch die Straßen laufen. Am Wasser sitzen. Die Schiffe beobachten. Den Wind spüren. Ein Fischbrötchen essen.
Wenn möglich vollständig.
Rostock – eine Stadt, die man ins Herz schließen kann
Bei aller Ironie, bei allen Geschichten über Touristen, Wind und unsere gefiederten Berufsverbrecher möchte ich eines ganz deutlich sagen:
Rostock ist eine wunderschöne Stadt.
Eine Stadt mit Geschichte, mit Ecken und Kanten, mit maritimer Tradition und einer Lebensqualität, die man manchmal erst richtig zu schätzen weiß, wenn man eine Weile woanders gewesen ist.
Und Warnemünde?
Warnemünde ist tatsächlich eine Perle an der Ostsee.
Nicht nur im Sommer, wenn sich Tausende Besucher am Strand tummeln. Sondern auch an einem grauen Herbsttag, wenn die Wellen gegen die Mole schlagen und man mit hochgezogenem Kragen am Meer entlangläuft.
Vielleicht ist es gerade diese Mischung, die unsere Stadt so besonders macht.
Die Ruhe und das Leben.
Die Geschichte und die Gegenwart.
Die große weite Ostsee und die kleinen gemütlichen Gassen.
Und natürlich unsere Möwen.
Diese unverschämten, lautstarken, manchmal erstaunlich großen Vögel, die sich benehmen, als gehöre ihnen die gesamte Küste.
Vielleicht tut sie das ja auch.
Wir Menschen dürfen schließlich nur hier wohnen.
Also komm nach Rostock. Besuche Warnemünde. Entdecke unsere Stadt, genieße die Ostsee und lass dich von unserem norddeutschen Charme begeistern.
Und wenn du am Alten Strom plötzlich einen riesigen Schatten über dir bemerkst, dann bleib ruhig.
Schau nicht nach oben.
Lauf nicht weg.
Und vor allem: Halte dein Fischbrötchen fest.
Denn in Rostock sagen wir nicht: „Du wurdest ausgeraubt.“
Wir sagen:
„Tja. Hättste mal besser aufgepasst.“
Und falls du jetzt tatsächlich Lust bekommen hast, Rostock zu besuchen: Herzlich willkommen. Wir freuen uns auf dich.
Die Möwen übrigens auch.
Besonders, wenn du Hunger mitbringst.
Anmerkung der Redaktion: Während der Erstellung dieses Artikels wurde niemand verletzt. Allerdings sitzt seit ungefähr zwanzig Minuten eine ungewöhnlich große Möwe vor meinem Fenster. Sie trägt etwas, das verdächtig nach einer Sonnenbrille aussieht. Ich werde die Angelegenheit vorerst nicht weiter kommentieren.