Warum braucht mein Kühlschrank eigentlich WLAN?
Es gibt Fragen, von denen wusste ich bis vor ein paar Jahren überhaupt nicht, dass ich sie einmal stellen würde.
Zum Beispiel:
Warum braucht mein Kühlschrank eigentlich WLAN?
Ich meine das durchaus ernst. Mein Kühlschrank hatte über Jahrzehnte eine relativ überschaubare Stellenbeschreibung: Er sollte kalt sein.
Das war's.
Wenn ich besonders hohe Ansprüche hatte, durfte das Licht angehen, wenn ich die Tür öffnete. Das war bereits ziemlich praktisch. Tür auf – Licht an. Tür zu – Licht aus.
Keine App. Kein Benutzerkonto. Kein Passwort. Keine Zwei-Faktor-Authentifizierung.
Und vor allem:
Kein Firmware-Update für die Butter.
Heute sieht die Sache etwas anders aus. Moderne Kühlschränke können je nach Modell Kameras haben, Einkaufslisten verwalten, Rezepte vorschlagen, Musik abspielen, Kalender anzeigen oder mir auf meinem Smartphone mitteilen, dass ich die Tür offengelassen habe.
Das ist beeindruckend. Wirklich.
Aber gleichzeitig sitze ich davor und denke:
Ich wollte doch eigentlich nur, dass mein Käse kalt bleibt.
Mein Haushalt möchte plötzlich mit mir reden
Der Kühlschrank ist dabei nur ein Beispiel. Meine Waschmaschine möchte inzwischen gerne eine App haben. Der Fernseher möchte ein Benutzerkonto. Der Staubsauger möchte mein WLAN-Passwort. Die Heizung möchte wissen, wann ich nach Hause komme. Die Türklingel möchte Videos in irgendeine Cloud schicken. Und die Kaffeemaschine kann mir theoretisch mitteilen, dass sie entkalkt werden möchte.
Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis meine elektrische Zahnbürste enttäuscht fragt, warum ich gestern Abend nur 1 Minute und 47 Sekunden geputzt habe.
Wir nennen das Smart Home. Oder etwas größer: Internet of Things – das Internet der Dinge.
Und der Name beschreibt ziemlich gut, was passiert ist. Früher waren Dinge einfach Dinge. Heute sind Dinge Computer. Nur eben Computer, die nebenbei noch Kaffee kochen, Wäsche waschen oder Lebensmittel kühlen.
Und genau hier wird es interessant. Denn mit dem kleinen Computer in meiner Waschmaschine bekomme ich nicht nur neue Funktionen.
Ich bekomme auch all die Probleme dazu, die Computer nun einmal so mitbringen.
Früher ging etwas kaputt. Heute wird es „nicht mehr unterstützt“
Das ist vielleicht die Veränderung, die mich daran am meisten beschäftigt.
Ein alter Kühlschrank konnte irgendwann kaputtgehen. Der Kompressor war defekt, die Dichtung hinüber oder das Thermostat funktionierte nicht mehr. Das war ärgerlich. Aber immerhin wusste man:
Das Ding ist kaputt.
Bei einem vernetzten Gerät kann theoretisch etwas völlig anderes passieren. Die eigentliche Maschine funktioniert noch wunderbar – aber die App wird eingestellt. Der Hersteller beendet einen Cloud-Dienst. Eine neue Smartphone-Version unterstützt die alte Anwendung nicht mehr. Ein Server wird abgeschaltet. Oder irgendwann kommen keine Sicherheitsupdates mehr.
Plötzlich besitzt ein Haushaltsgerät also nicht mehr nur eine technische Lebensdauer.
Es besitzt möglicherweise auch eine digitale Lebensdauer.
Und das ist ein ziemlich fundamentaler Unterschied. Denn einen Kühlschrank kaufe ich nicht mit derselben Erwartung wie ein Smartphone. Wenn ich 1.500 oder 2.000 Euro für ein Haushaltsgerät ausgebe, denke ich normalerweise nicht:
Hoffentlich bekommt das Ding in acht Jahren noch Sicherheitsupdates.
Vielleicht sollte ich das aber inzwischen.
Willkommen beim Updatezwang
Wir haben uns erstaunlich schnell daran gewöhnt, dass Software aktualisiert werden muss. Beim Smartphone ergibt das Sinn. Beim Computer auch. Aber inzwischen zieht diese Logik in Gegenstände ein, bei denen wir jahrzehntelang überhaupt keine Software benötigt haben.
Und plötzlich könnte morgens theoretisch Folgendes passieren:
Kühlschrank-Update verfügbar
Version 7.4.2
Verbesserte Stabilität
Allgemeine Fehlerbehebungen
Optimierung der Gemüsefach-Kompatibilität
Bitte trennen Sie Ihren Kühlschrank während der Aktualisierung nicht vom Stromnetz.
Ich übertreibe.
Noch.
Aber hinter dem Witz steckt ein ernstes Problem: Je mehr Funktionen eines Produkts von Software abhängen, desto wichtiger wird die Frage, wie lange diese Software gepflegt wird.
Genau mit solchen Fragen beschäftigt sich inzwischen auch die Europäische Union. Der Cyber Resilience Act schafft Cybersicherheitsanforderungen für Produkte mit digitalen Elementen und nimmt dabei unter anderem den Umgang mit Sicherheitslücken und Sicherheitsupdates über den Unterstützungszeitraum eines Produkts in den Blick. Die wesentlichen Pflichten gelten ab Dezember 2027. Energy Efficient Products
Eigentlich ist schon bemerkenswert, dass wir inzwischen gesetzlich darüber nachdenken müssen, wie lange ein Gegenstand digital betreut werden muss, damit er sicher weiterverwendet werden kann.
Früher stand auf einem Kühlschrank:
Energieeffizienzklasse A.
In Zukunft interessiert mich vielleicht zusätzlich:
Wie lange bekommt der eigentlich Updates?
Und warum möchte mein Kühlschrank eigentlich meine Daten?
Noch interessanter wird es beim Datenschutz. Denn ein klassischer Kühlschrank wusste relativ wenig über mich.
Eigentlich wusste er gar nichts.
Er stand in der Küche.
Das war unsere gesamte Beziehung.
Ein Smart-Home-Gerät kann dagegen – abhängig vom jeweiligen Produkt – Nutzungsdaten erzeugen und übermitteln. Wann wird es verwendet? Welche Funktionen werden benutzt? Wie häufig? Bei manchen Smart-Home-Produkten kommen Kameras, Mikrofone, Bewegungsdaten, Standortinformationen oder Cloud-Dienste hinzu.
Dass solche vernetzten Geräte neue Datenschutz- und Sicherheitsfragen aufwerfen, ist keineswegs eine neue Erkenntnis. Die US-amerikanische Federal Trade Commission beschäftigt sich bereits seit Jahren mit den Risiken des Internet of Things. Sie weist unter anderem darauf hin, dass vernetzte Geräte Daten übertragen können und dass bei ihrer Entwicklung Datenschutz, Datensparsamkeit und Sicherheitsupdates über den Lebenszyklus berücksichtigt werden sollten. Federal Trade Commission
Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder Hersteller heimlich meinen Joghurt überwacht.
Und ich glaube auch nicht, dass irgendwo ein Mitarbeiter sitzt und sagt:
René hat schon wieder nachts um halb zwölf den Kühlschrank geöffnet.
Wobei ich mich in diesem Fall vermutlich eher beobachtet als überrascht fühlen würde.
Aber die grundsätzliche Frage bleibt:
Welche Daten muss ein Haushaltsgerät überhaupt sammeln, um seine eigentliche Aufgabe zu erfüllen?
Muss meine Waschmaschine wissen, wer ich bin? Braucht mein Staubsauger zwingend eine Cloud? Muss ich für meine Kaffeemaschine ein Kundenkonto anlegen?
Und warum muss ich teilweise erst eine Datenschutzerklärung lesen, bevor ein Gerät etwas tut, das sein Vorgänger 1997 einfach nach dem Drücken eines Knopfes erledigt hat?
Komfort ist verdammt bequem
Jetzt wäre es allerdings zu einfach, über diese ganze Entwicklung nur zu schimpfen. Denn ich verstehe vollkommen, warum Smart Home erfolgreich ist.
Viele Funktionen sind tatsächlich praktisch. Die Heizung herunterregeln, wenn niemand zu Hause ist? Sinnvoll. Von unterwegs sehen, ob ein Fenster offensteht? Praktisch. Eine Waschmaschine, die mich informiert, wenn die Wäsche fertig ist? Kann hilfreich sein. Energieverbrauch analysieren? Interessant. Licht automatisch ausschalten? Warum nicht?
Und wenn mir mein Kühlschrank irgendwann wirklich zuverlässig sagen kann:
Kauf Milch.
dann muss ich zugeben:
Das hätte was.
Das Problem ist also nicht, dass Geräte intelligenter werden. Die eigentliche Frage lautet:
Muss jede zusätzliche Funktion zwangsläufig mit Internetverbindung, Cloud, Benutzerkonto und Herstellerabhängigkeit verbunden sein?
Denn „smart“ und „online“ sind nicht dasselbe.
Ein Gerät kann intelligent sein, ohne ständig mit irgendeinem Server kommunizieren zu müssen. Viele Funktionen könnten lokal ausgeführt werden. Daten könnten im eigenen Haushalt bleiben. Grundfunktionen könnten unabhängig von Apps und Cloud-Diensten funktionieren.
Und genau das wäre für mich tatsächlich smart.
Wenn aus einem Produkt irgendwann ein Dienst wird
Vielleicht steckt hinter der Entwicklung aber noch etwas anderes.
Früher kaufte ich ein Produkt.
Danach gehörte es mir.
Natürlich kann ich auch heute einen Kühlschrank kaufen. Aber je stärker seine Funktionen von Software, Accounts und externen Diensten abhängen, desto merkwürdiger wird das klassische Verständnis von Eigentum.
Denn was genau gehört mir eigentlich?
Die Hardware? Ja.
Die Software? Teilweise.
Der Cloud-Dienst? Nein.
Die App? Auch nicht wirklich.
Die Serverinfrastruktur? Natürlich nicht.
Und damit kann ein Produkt in meiner Küche stehen, das physisch vollständig mir gehört, dessen Funktionsumfang aber teilweise davon abhängt, dass irgendwo auf der Welt ein Unternehmen weiterhin einen Server betreibt.
Das finde ich bemerkenswert.
Ich kaufe einen Gegenstand – und ein Teil seiner Zukunft gehört trotzdem jemand anderem.
Ist das schon geplante Obsoleszenz?
An dieser Stelle muss man vorsichtig sein. „Geplante Obsoleszenz“ ist schnell gesagt.
Nicht jedes kaputte Gerät wurde absichtlich so konstruiert, dass es nach fünf Jahren stirbt. Nicht jedes eingestellte Softwareprodukt ist Teil eines finsteren Plans, uns zum Neukauf zu zwingen.
Aber Digitalisierung schafft eine neue Möglichkeit, wie Produkte altern können.
Nicht nur mechanisch.
Sondern durch Software.
Ein Gerät kann technisch vollkommen in Ordnung sein und trotzdem einen Teil seines Nutzens verlieren, weil das digitale Ökosystem drumherum verschwindet.
Das Ergebnis fühlt sich für den Besitzer am Ende ziemlich ähnlich an:
Das Gerät könnte noch funktionieren. Aber nicht mehr so, wie man es gekauft hat.
Und genau deshalb werden Reparierbarkeit und langfristige Unterstützung immer wichtiger.
Bei Smartphones und Tablets gelten in der EU seit Juni 2025 neue Ökodesign-Anforderungen. Dazu gehört unter anderem, dass bestimmte Ersatzteile bis sieben Jahre nach dem Ende des Verkaufs eines Modells verfügbar sein müssen. Auch für Software gibt es Vorgaben: Werden Sicherheits-, Korrektur- oder Funktionsupdates bereitgestellt, müssen sie für mindestens fünf Jahre nach dem Ende der Vermarktung des jeweiligen Modells kostenlos verfügbar gemacht werden. Energy Efficient Products
Auch bei Kühlgeräten überprüft die EU die bestehenden Ökodesign-Regeln. Dabei geht es inzwischen nicht mehr ausschließlich um Energieverbrauch, sondern unter anderem auch um Lebensdauer, Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit. Energy
Vielleicht verändert sich dadurch langfristig etwas.
Denn Nachhaltigkeit bedeutet eben nicht nur:
Mein Kühlschrank verbraucht weniger Strom.
Nachhaltigkeit bedeutet auch:
Ich muss nicht alle fünf Jahre einen neuen kaufen.
Vielleicht ist „dumm“ manchmal ziemlich intelligent
Ich habe grundsätzlich nichts gegen Technik. Ganz im Gegenteil. Ich finde es faszinierend, was inzwischen möglich ist.
KI kann Texte analysieren. Autos erkennen Verkehrsschilder. Smartphones ersetzen Kameras, Navigationsgeräte, Taschenrechner, Kalender und ungefähr 37 andere Geräte, die früher irgendwo in der Wohnung herumlagen.
Technischer Fortschritt ist etwas Großartiges.
Aber vielleicht sollten wir trotzdem häufiger fragen:
Welches Problem lösen wir hier eigentlich?
Brauche ich eine Waschmaschine, die sich per Smartphone starten lässt?
Vielleicht.
Brauche ich einen Toaster mit WLAN?
Da müsste ich schon länger überlegen.
Brauche ich einen Wasserkocher, der Teil meines Benutzerkontos werden möchte?
Ich möchte Wasser heiß machen.
Unsere Beziehung muss nicht komplizierter werden.
Vielleicht besteht gute Technik eben nicht darin, möglichst viele Funktionen in ein Produkt einzubauen.
Vielleicht besteht gute Technik darin, genau die richtigen Funktionen einzubauen.
Zuverlässig. Sicher. Reparierbar.
Und möglichst lange.
Mein Kühlschrank darf gerne Kühlschrank bleiben
Vielleicht werde ich irgendwann selbst einen Kühlschrank mit WLAN besitzen. Und wahrscheinlich werde ich die App installieren.
Dann werde ich zwei Stunden damit verbringen, ihn mit meinem WLAN zu verbinden, weil er ausschließlich 2,4 GHz unterstützt. Anschließend werde ich ein Benutzerkonto erstellen, eine E-Mail bestätigen, die Datenschutzbestimmungen akzeptieren, ein Firmware-Update installieren und den Kühlschrank neu starten.
Und irgendwann gegen 23:47 Uhr werde ich erschöpft in meiner Küche stehen.
Dann öffne ich die Tür.
Das Licht geht an.
Ich nehme ein Stück Käse heraus.
Und vermutlich werde ich denken:
Ach guck.
Die beste Funktion funktioniert genauso wie 1998.
Vielleicht ist genau das meine eigentliche Zwischenfrage:
Wir können inzwischen beinahe alles miteinander vernetzen.
Aber nur weil wir etwas mit dem Internet verbinden können –
müssen wir es deshalb auch tun?
Quellen und weiterführende Informationen
Hinweis: Dieser Beitrag verbindet persönliche Meinung, überspitzte Beispiele und Humor mit öffentlich zugänglichen Informationen. Nicht jeder beschriebene Funktionsumfang trifft auf jedes Smart-Home-Gerät zu.