Wir haben unser Leben optimiert. Jetzt haben wir keine Zeit mehr, es zu leben.
Ich wollte eigentlich nur einen ruhigen Abend haben
Es ist 18:30 Uhr. Feierabend. Ich komme nach Hause und nehme mir etwas vor, das in unserer heutigen Gesellschaft offenbar als ziemlich ambitioniertes Lebensziel gilt: Ich möchte einfach mal nichts machen.
Kein großes Projekt. Keine Weiterbildung. Keine persönliche Weiterentwicklung. Ich möchte mich auf die Couch setzen, vielleicht etwas essen, einen Film schauen und ansonsten meine Ruhe haben.
Klingt machbar.
Zuerst schaue ich allerdings kurz aufs Smartphone. Nur kurz, versteht sich. Eine Nachricht beantworten, eine E-Mail lesen und nachsehen, ob das Paket morgen kommt. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass ich noch etwas bestellen wollte. Also schnell die Shopping-App geöffnet, Produkt gesucht und bestellt.
Natürlich nicht, ohne vorher die Bewertungen zu lesen. Schließlich möchte ich für meine 12,99 Euro keine Fehlentscheidung treffen, die mich finanziell und emotional für den Rest meines Lebens belastet.
Nach zwanzig Minuten habe ich zwölf Bewertungen gelesen, drei Alternativen verglichen und herausgefunden, dass ein Kunde aus Bielefeld mit der Verpackung unzufrieden war. Ich bestelle trotzdem.
Danach will ich etwas essen. Dafür muss ich nur kurz überlegen, was. Eine Frage, die angesichts der nahezu unbegrenzten Auswahl inzwischen erstaunlich viel Lebenszeit beanspruchen kann.
Selbst kochen? Bestellen? Irgendetwas aufwärmen? Vielleicht erst einmal schauen, was die Lieferdienste anbieten.
Vierzig Minuten später habe ich noch nichts gegessen, kenne dafür aber die Speisekarten von sieben Restaurants und weiß, dass ich bei einem Mindestbestellwert von 25 Euro die Liefergebühr sparen könnte.
Ich wollte eigentlich nur eine Pizza.
Inzwischen ist es kurz nach acht.
Aber gut. Jetzt wird entspannt.
Ich öffne Netflix.
Und suche etwas zum Anschauen.
Eine weitere halbe Stunde später kenne ich die Handlung von ungefähr fünfzehn Serien, habe sechs Trailer gesehen und mich entschieden, dass heute irgendwie nichts dabei ist.
Also nehme ich wieder das Smartphone in die Hand.
Nur kurz.
Um 22:47 Uhr stelle ich fest, dass ich meinen freien Abend damit verbracht habe, Dinge zu organisieren, die mir eigentlich Zeit sparen sollten.
Immerhin ist das Paket bestellt.
Ein voller Erfolg.
Wo ist eigentlich die ganze gesparte Zeit geblieben?
Wir leben in einer bemerkenswerten Zeit. Noch nie konnten wir so viele alltägliche Dinge so schnell erledigen.
Früher musste man für eine Überweisung zur Bank oder zumindest einen Überweisungsträger ausfüllen. Heute dauert das wenige Sekunden. Rechnungen werden automatisch bezahlt, Termine online vereinbart und Einkäufe bis vor die Haustür geliefert.
Wir müssen nicht mehr durch fünf Geschäfte laufen, um einen bestimmten Artikel zu finden. Wir können innerhalb von Sekunden Preise vergleichen, Verfügbarkeiten prüfen und uns anschließend darüber ärgern, dass der Versand trotzdem zwei Tage dauert.
Selbst das Schreiben verändert sich. Eine E-Mail, für die man früher vielleicht zehn Minuten gebraucht hätte, kann heute eine künstliche Intelligenz in wenigen Sekunden formulieren.
Eigentlich müsste uns diese Entwicklung unglaublich viel Zeit schenken.
Und trotzdem höre ich ständig denselben Satz:
„Ich habe gerade überhaupt keine Zeit.“
Wo ist sie denn hin?
Gibt es irgendwo ein riesiges Lagerhaus, in dem all die eingesparten Minuten gesammelt werden? Stehen dort Regale voller Freizeit, die wir irgendwann versehentlich vergessen haben abzuholen?
Oder sitzt irgendwo ein Mitarbeiter der Abteilung Lebenszeitverwaltung und verteilt unsere gesparten Stunden heimlich an Menschen, die offenbar jeden Nachmittag gemütlich im Café sitzen können?
Ich würde gern einen Antrag auf Auszahlung stellen.
Denn wenn ich mir überlege, wie viele Dinge heute automatisch funktionieren, müsste ich inzwischen eigentlich mehrere Monate Freizeit angesammelt haben.
Stattdessen bin ich froh, wenn ich es schaffe, die Waschmaschine auszuräumen, bevor ich die nächste anstellen muss.
Vielleicht liegt das Problem gar nicht darin, dass uns die Technik keine Zeit spart.
Vielleicht liegt es daran, dass wir jede gewonnene Minute sofort wieder ausgeben.
Herzlichen Glückwunsch! Sie sind jetzt effizienter. Hier ist Ihre nächste Aufgabe.
Besonders schön lässt sich dieses Prinzip in der Arbeitswelt beobachten.
Stellen wir uns vor, ein Mitarbeiter benötigt für eine bestimmte Aufgabe früher eine Stunde. Dann wird eine neue Software eingeführt, die den Vorgang vereinfacht. Plötzlich dauert dieselbe Aufgabe nur noch zwanzig Minuten.
Ein technischer Fortschritt. Ein Grund zur Freude.
Theoretisch könnte der Mitarbeiter jetzt vierzig Minuten früher Feierabend machen oder sich einer Aufgabe widmen, für die bisher keine Zeit war.
In der Praxis sieht die Rechnung häufig etwas anders aus.
Wenn eine Aufgabe nur noch ein Drittel der Zeit benötigt, kann man in derselben Zeit schließlich drei Aufgaben erledigen.
Und schon ist die gewonnene Zeit wieder weg.
Dafür gibt es jetzt Kennzahlen, Dashboards und regelmäßige Besprechungen darüber, warum die Produktivität nicht noch stärker gestiegen ist.
Das ist das Faszinierende an moderner Effizienz: Sie verspricht uns Entlastung und liefert uns anschließend neue Erwartungen.
Natürlich ist Automatisierung nicht grundsätzlich schlecht. Sie kann monotone Tätigkeiten reduzieren, Fehler vermeiden und tatsächlich Arbeitszeit freimachen. Aber ob diese Zeit am Ende den Beschäftigten zugutekommt, ist keine technische Frage.
Es ist eine Entscheidung.
Und wenn Unternehmen feststellen, dass Mitarbeiter dank neuer Technik mehr schaffen können, wird aus dem ursprünglichen Zeitgewinn erstaunlich schnell eine neue Mindestanforderung.
Was gestern noch eine hervorragende Leistung war, ist morgen plötzlich selbstverständlich.
Herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Digitalisierung.
Ihr Arbeitspensum wurde angepasst.

Wir sparen Zeit, damit wir noch mehr Zeit sparen können
Das Verrückte ist, dass wir dieses Prinzip längst in unseren privaten Alltag übernommen haben.
Wir kaufen uns Geräte, die uns Arbeit abnehmen sollen. Einen Saugroboter beispielsweise. Eine fantastische Erfindung. Er fährt durch die Wohnung und saugt, während wir etwas anderes machen können.
Zum Beispiel die Wohnung so vorbereiten, dass der Saugroboter überhaupt fahren kann.
Kabel hochlegen, Schuhe wegräumen, herumliegende Gegenstände einsammeln und anschließend in der App prüfen, warum das 600-Euro-Gerät seit zehn Minuten vor einem Stuhlbein steht und offenbar über den Sinn seiner Existenz nachdenkt.
Dann kommt die Meldung: „Reinigung unterbrochen.“
Natürlich.
Ich kenne das Gefühl.

Auch unsere Smartphones sollen uns den Alltag erleichtern. Und das tun sie zweifellos. Nur haben wir inzwischen für nahezu alles eine eigene App.
Eine für die Bank, eine fürs Einkaufen, eine für den Stromverbrauch, eine für die Heizung, eine für den Staubsauger und eine, die uns daran erinnert, genug Wasser zu trinken.
Ich warte eigentlich nur noch auf die Anwendung, die mir mitteilt, dass ich seit 47 Minuten nicht mehr bewusst geatmet habe.
Vermutlich mit Premium-Abo.
Für 4,99 Euro im Monat gibt es dann zusätzlich eine personalisierte Atemstatistik und ein Zertifikat für besonders effiziente Sauerstoffaufnahme.
Wir verwalten unseren Alltag inzwischen mit einer technischen Infrastruktur, für die früher ein mittelständisches Unternehmen einen eigenen IT-Verantwortlichen beschäftigt hätte.
Und wenn etwas nicht funktioniert, verbringen wir den Abend damit, die Geräte wieder miteinander zu verbinden.
Das ist dann vermutlich die Freizeit, die wir durch die Geräte gewonnen haben.

Sogar das Nichtstun haben wir zur Aufgabe gemacht
Besonders absurd wird es allerdings, wenn wir uns entspannen wollen.
Denn einfach nur entspannen scheint inzwischen nicht mehr zu reichen.
Wir sollen richtig entspannen. Möglichst bewusst, wissenschaftlich fundiert und natürlich messbar.
Wir zählen unsere Schritte, überwachen unseren Schlaf, analysieren unsere Herzfrequenz und lassen uns von einer Uhr mitteilen, wie erholt wir morgens aufzuwachen haben.
Da liegt man nach acht Stunden Schlaf im Bett, fühlt sich eigentlich ganz gut und schaut auf die Smartwatch.
„Schlafqualität: 62 von 100.“
Na großartig.
Bis eben war ich noch ausgeschlafen. Jetzt bin ich offenbar ein gesundheitliches Sanierungsprojekt.
Und natürlich kann man auch beim Entspannen Fehler machen.
Zu wenig Bewegung. Zu viel Bildschirmzeit. Falsche Schlafenszeit. Zu wenig Tiefschlaf. Zu viele Kalorien. Zu wenig Achtsamkeit.
Man könnte fast meinen, unser Körper sei eine schlecht geführte Abteilung, die dringend neue Leistungskennzahlen benötigt.
Also laden wir uns eine Meditations-App herunter.
Dort erklärt uns eine angenehm ruhige Stimme, dass wir loslassen, unsere Gedanken beobachten und ganz im Moment ankommen sollen.
Nach sieben Minuten vibriert das Smartphone.
„Glückwunsch! Du hast deine tägliche Meditationsserie fortgesetzt.“
Wunderbar.
Sogar beim Nichtstun gibt es jetzt Leistungsnachweise.
Und wehe, man verpasst einen Tag. Dann ist die Serie unterbrochen, und man fühlt sich schlecht, weil man nicht konsequent genug entspannt hat.
Wir haben es tatsächlich geschafft, aus Erholung eine Verpflichtung zu machen.
Das muss man erst einmal hinbekommen.

Unser Urlaub braucht inzwischen einen Projektmanager
Früher war Urlaub für viele Menschen vor allem eines: eine Gelegenheit, nicht arbeiten zu müssen.
Heute beginnt die Erholung häufig mit einer Excel-Tabelle.
Flüge vergleichen, Hotels bewerten, Mietwagen buchen, Sehenswürdigkeiten recherchieren, Restaurants reservieren und natürlich die besten Fotospots heraussuchen.
Schließlich möchte man aus dem Urlaub das Maximum herausholen.
Wenn man schon eine Woche irgendwohin fährt, wäre es doch eine Verschwendung, einfach nur am Strand zu liegen.
Also wird geplant.
Montag Altstadtbesichtigung, Dienstag Bootsausflug, Mittwoch drei Museen, Donnerstag Sonnenaufgangswanderung, Freitag ein Geheimtipp, den inzwischen 800.000 Menschen auf Instagram kennen.
Dazwischen möglichst noch ein authentisches Restaurant besuchen, das natürlich ebenfalls auf einer Liste steht.
Am Ende kommt man nach Hause und braucht erst einmal Urlaub.
Aber immerhin hat man alles gesehen.
Zumindest durch die Kamera seines Smartphones.
Dabei ist es doch eigentlich erstaunlich: Wir reisen an wunderschöne Orte, um dem Alltag zu entkommen, und nehmen genau die Angewohnheiten mit, die uns zu Hause schon stressen.
Planen, vergleichen, optimieren, dokumentieren.
Vielleicht wäre der größte Luxus inzwischen ein Urlaub, bei dem man morgens aufsteht und noch nicht weiß, was man am Nachmittag macht.
Keine Sehenswürdigkeit abhaken. Keine Route optimieren. Einfach irgendwo sitzen, etwas trinken und Menschen beobachten.
Ich weiß, das klingt radikal.
Fast schon verantwortungslos.

Wir haben keine Zeit für Freunde. Aber für drei Stunden Bildschirmzeit.
Ein besonders unangenehmer Widerspruch begegnet uns bei unseren sozialen Kontakten.
„Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen!“
Wie oft haben wir diesen Satz schon gesagt oder gehört?
Und wie oft ist anschließend tatsächlich etwas passiert?
Wir haben Kalender, die sich automatisch synchronisieren. Wir können Termine digital abstimmen und innerhalb von Sekunden mit Menschen auf der anderen Seite der Welt sprechen.
Trotzdem kann es Wochen dauern, bis man mit einem Freund einen gemeinsamen Abend findet.
Keine Zeit.
Zu viel zu tun.
Gerade stressig.
Nächsten Monat vielleicht.
Und dann zeigt uns das Smartphone am Sonntagabend die Bildschirmzeit der vergangenen Woche.
Drei Stunden am Tag. Vielleicht vier. Bei manchen mehr, bei anderen weniger.
Natürlich ist nicht jede Minute davon verschwendet. Wir lesen Nachrichten, erledigen Dinge, kommunizieren und nutzen unsere Geräte für alles Mögliche.
Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich einen Teil meiner Bildschirmzeit vermutlich nicht einmal sinnvoll erklären.
Ich weiß noch, dass ich irgendein Video angesehen habe. Und danach noch eines. Und plötzlich wusste ich, wie man einen Swimmingpool aus Paletten baut, obwohl ich weder einen Garten noch den Wunsch nach einem Swimmingpool aus Paletten habe.
Dafür habe ich seit Monaten keine Zeit gefunden, einen alten Freund zu besuchen.
Das ist schon eine bemerkenswerte Prioritätensetzung.
Vielleicht haben wir manchmal gar nicht zu wenig Zeit.
Vielleicht geben wir sie nur Dingen, die uns weniger bedeuten, als wir uns eingestehen möchten.
Das ist keine besonders angenehme Erkenntnis.
Aber eine, über die es sich nachzudenken lohnt.
Und jetzt kommt auch noch die künstliche Intelligenz
Mit künstlicher Intelligenz erreichen wir gerade die nächste Stufe unserer persönlichen Effizienzrevolution.
Texte schreiben, Informationen zusammenfassen, Bilder erstellen, Ideen entwickeln, Programme schreiben, Reisen planen. Dinge, für die man früher Stunden oder Tage gebraucht hätte, können heute teilweise in Minuten erledigt werden.
Ich nutze diese Möglichkeiten selbst gern. Warum sollte ich mir das Leben unnötig schwer machen, wenn mir ein Werkzeug sinnvoll helfen kann?
Aber ich frage mich auch, was wir mit der dadurch gewonnenen Zeit anfangen werden.
Werden wir tatsächlich weniger arbeiten? Mehr lesen? Freunde treffen? Spazieren gehen? Vielleicht sogar gelegentlich einen Nachmittag verbringen, ohne etwas erreichen zu wollen?
Oder werden wir einfach noch mehr produzieren?
Noch mehr E-Mails, noch mehr Inhalte, noch mehr Präsentationen, noch mehr Aufgaben.
Wenn früher jemand zwei Stunden für einen Bericht gebraucht hat und ihn heute in zwanzig Minuten erstellen kann, könnte er theoretisch früher fertig sein.
Oder man erwartet künftig eben fünf Berichte.
Schließlich geht es ja jetzt schneller.
Und wenn jeder plötzlich mehr produzieren kann, müssen wir auch immer mehr lesen, bewerten, beantworten und verarbeiten.
Wir sparen Zeit beim Erstellen von Informationen, um anschließend mehr Zeit damit zu verbringen, die zusätzlichen Informationen zu bewältigen.
Das ist ungefähr so, als würde man eine breitere Autobahn bauen, nur um sich anschließend darüber zu wundern, dass wieder alle im Stau stehen.
Vielleicht wird uns künstliche Intelligenz tatsächlich einmal viel Arbeit abnehmen.
Aber ob wir dadurch mehr Freizeit bekommen, hängt nicht allein davon ab, wie leistungsfähig die Technologie wird.
Sondern auch davon, ob wir überhaupt bereit sind, uns diese Freizeit zu gönnen.
Vielleicht ist Zeit gar nicht unser eigentliches Problem
Ich glaube nicht, dass früher grundsätzlich alles entspannter war. Menschen haben hart gearbeitet, hatten Verpflichtungen und konnten von vielen technischen Erleichterungen nur träumen.
Auch heute gibt es Menschen, die tatsächlich kaum freie Zeit haben. Wer mehrere Jobs bewältigt, Angehörige pflegt oder Beruf und Familie unter einen Hut bringen muss, hat kein Zeitproblem, das sich mit etwas weniger Smartphone-Nutzung lösen ließe.
Es wäre ziemlich überheblich, diesen Menschen zu erklären, sie müssten nur ihre Prioritäten ändern.
Aber daneben gibt es noch etwas anderes: den selbst erzeugten Druck, ständig beschäftigt sein zu müssen.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass jede freie Minute einen Zweck erfüllen soll.
Wenn wir Sport treiben, möchten wir fitter werden. Wenn wir lesen, möchten wir etwas lernen. Wenn wir spazieren gehen, zählen wir die Schritte. Wenn wir kochen, soll es möglichst gesund sein. Wenn wir schlafen, soll es erholsam und messbar sein.
Und wenn wir einfach mal auf der Couch liegen und aus dem Fenster schauen?
Dann meldet sich irgendwann dieses unangenehme Gefühl, dass wir eigentlich etwas Sinnvolleres tun könnten.
Dabei ist es doch eine ziemlich merkwürdige Vorstellung, dass unser Leben nur dann einen Wert hat, wenn wir gerade etwas erledigen.
Wir sind keine Maschinen, deren Auslastung möglichst bei 100 Prozent liegen muss.
Und trotzdem behandeln wir uns manchmal genau so.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Irrtum unserer Zeit: Wir glauben, dass wir unser Leben besser machen, indem wir immer mehr hineinpacken.
Mehr erleben. Mehr schaffen. Mehr sehen. Mehr wissen.
Dabei könnte es manchmal genau andersherum sein.
Vielleicht entsteht Lebensqualität nicht dadurch, dass wir noch eine Aufgabe in unseren Tag quetschen.
Sondern dadurch, dass wir eine weglassen.
Herzlichen Glückwunsch. Sie haben fünf Minuten gewonnen.
Stellen wir uns einmal vor, morgen erscheint eine neue Technologie, die uns jeden Tag eine Stunde Zeit spart.
Eine ganze Stunde. Jeden Tag.
Was würden wir damit machen?
Würden wir länger frühstücken, uns mit Freunden treffen oder einfach eine Stunde früher Feierabend machen?
Oder würden wir uns nach wenigen Wochen daran gewöhnen und diese Stunde mit neuen Aufgaben füllen?
Ich fürchte, die Antwort könnte ziemlich ernüchternd ausfallen.
Wir würden wahrscheinlich zunächst begeistert erzählen, wie unglaublich praktisch diese neue Technologie ist. Anschließend würden wir unseren Tagesablauf anpassen, neue Verpflichtungen übernehmen und nach spätestens drei Monaten wieder sagen:
„Ich habe gerade überhaupt keine Zeit.“
Dann käme die nächste Innovation, die uns noch einmal zwanzig Minuten spart.
Und das Spiel beginnt von vorn.
Vielleicht brauchen wir deshalb gar keine Technologie mehr, die uns Zeit spart.
Vielleicht brauchen wir endlich den Mut, mit der gesparten Zeit nichts anzufangen.
Nicht jede Minute muss produktiv sein. Nicht jedes Hobby muss uns besser machen. Nicht jeder Abend braucht ein Ergebnis, und nicht jede Reise muss zu einer Sammlung perfekt fotografierter Sehenswürdigkeiten werden.
Man darf auch einfach mal einen Kaffee trinken, ohne nebenbei E-Mails zu beantworten.
Man darf spazieren gehen, ohne die Schritte zu zählen.
Man darf einen Sonntag verbringen, an dem nichts Besonderes passiert.
Und man darf sogar auf der Couch sitzen und sich langweilen.
Ganz ohne schlechtes Gewissen.
Eine letzte Zwischenfrage
Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich viel erreicht. Wir haben Wege verkürzt, Abläufe vereinfacht und unzählige Dinge automatisiert.
Wir können heute in wenigen Minuten erledigen, wofür Menschen früher teilweise Stunden gebraucht haben.
Und trotzdem rennen wir oft durch unseren Alltag, als würde uns jemand mit einer Stoppuhr verfolgen.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, immer nur zu fragen, wie wir noch mehr Zeit sparen können.
Die interessantere Frage wäre doch:
Was wollen wir eigentlich mit der Zeit anfangen, die wir längst haben?
Denn irgendwann werden wir vermutlich nicht darauf zurückblicken, wie effizient wir unsere E-Mails beantwortet haben. Wir werden uns nicht daran erinnern, wie viele Aufgaben wir an einem Dienstag erledigt oder wie perfekt wir unseren Schlaf optimiert haben.
Wir werden uns an Menschen erinnern. An Gespräche, die länger dauerten als geplant. An Abende, an denen wir die Zeit vergessen haben. Und an Tage, an denen wir nichts Besonderes vorhatten und trotzdem glücklich waren.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe unserer hochoptimierten Gesellschaft:
Wir haben gelernt, bei allem Zeit zu sparen. Nur nicht dabei, sie zu verschwenden.
Und manchmal wäre genau das die beste Verwendung.
So. Und jetzt könnte ich eigentlich das Smartphone weglegen und einfach mal nichts machen.
Aber vorher schaue ich noch kurz, ob jemand auf meine letzte Nachricht geantwortet hat.
Nur ganz kurz.
Versprochen.