Digga, ist das unsere Zukunft? Eine Zugfahrt ins sprachliche Paralleluniversum.
Über Jugendliche, Gras, verlorene Verben und eine Generation Erwachsener, die früher angeblich ausschließlich Bücher gelesen und freiwillig den Müll rausgebracht hat.
Es gibt Momente, in denen man merkt, dass man alt wird. Nicht unbedingt, weil morgens die Knochen knacken oder man plötzlich Angebote für orthopädische Matratzen interessant findet.
Nein. Manchmal reicht eine Zugfahrt.
Ich saß also friedlich im Zug. Wollte einfach nur von A nach B. Ohne besondere Erwartungen. Ohne gesellschaftliche Experimente. Und vor allem ohne die Absicht, meine Muttersprache neu erlernen zu müssen.
Dann stieg eine Gruppe kleinwüchsiger Menschen ein.
Entschuldigung. Natürlich meine ich Jugendliche.
Diese faszinierenden Wesen zwischen Pubertät, Smartphone und der festen Überzeugung, dass sämtliche Erwachsenen grundsätzlich komplett lost sind.
Sie setzten sich eine Reihe vor mich.
Und dann ging es los.
„Digga, hast du gestern gesehen, Digga?“
„Bruder, Digga, das war mies wild.“
„Ja, Digga, der Typ ist komplett lost, Digga.“
Ich war beeindruckt.
Drei Sätze. Ungefähr 47 Diggas. Und irgendwo dazwischen hatte sich möglicherweise eine Information versteckt.
Ich fühlte mich wie bei einer UN-Vollversammlung ohne Dolmetscher.
Nur dass bei den Vereinten Nationen gelegentlich jemand einen vollständigen Satz beendet.
Digga – wenn ein Wort die komplette Sprache ersetzt
Früher hatten wir Substantive, Verben, Adjektive und Satzzeichen.
Heute reicht offenbar „Digga“.
„Digga?“ – Frage.
„Digga!“ – Überraschung.
„Diiiggaaa!“ – Emotionale Ausnahmesituation.
„Bruder, Digga!“ – Vermutlich eine diplomatische Krise.
Ich wartete eigentlich nur darauf, dass einer sagt:
„Digga, gib mal den Digga, Digga.“
Und der andere reicht ihm völlig selbstverständlich die Powerbank.
Wir Erwachsenen brauchen für solche Gespräche noch konkrete Gegenstände und deren Bezeichnungen. Rückständig, ich weiß.
Allerdings muss ich zugeben, dass wir früher auch nicht gerade die sprachliche Elite Europas waren.
Wir sagten „Alter“, „krass“, „geil“ und „ey“.
Der Unterschied?
Wir haben wenigstens zwischendurch noch geatmet.

Gras – die botanische Fachkonferenz im Regionalexpress
Nach wenigen Minuten wechselte das Gesprächsthema.
Gras.
Nicht die Sorte, die der Nachbar samstags um 7:30 Uhr mit seinem Rasenmäher terrorisiert.
Das andere Gras.
Es ging um Sorten, Mengen, Wirkungen und irgendwelche Bekannten, die jemanden kennen, der jemanden kennt.
Ein beeindruckendes Fachgespräch.
Ich wusste bis dahin gar nicht, dass man sich derart leidenschaftlich mit Pflanzen beschäftigen kann.
Hätte ich diese Jugendlichen im Biologieunterricht erlebt, hätte ich vermutlich auf eine goldene Zukunft der deutschen Agrarforschung gewettet.
Da wurden Unterschiede analysiert, Qualitäten verglichen und Erfahrungsberichte ausgetauscht.
Eine botanische Expertenrunde.
Mit „Digga“ als wissenschaftlichem Fachterminus.
Irgendwann fragte ich mich, ob ich im Regionalexpress saß oder versehentlich auf der Jahrestagung des Cannabis-Nachwuchses gelandet war.
Natürlich bedeutet ein Gespräch über Gras nicht automatisch, dass jemand kifft. Und wer kifft, ist deshalb nicht automatisch ein hoffnungsloser Fall.
Aber die Vorstellung, diese Begeisterung würde sich gelegentlich auch auf Mathematik, Geschichte oder eine Berufsausbildung übertragen, hatte durchaus etwas Romantisches.
Vielleicht können die Jugendlichen ja tatsächlich beides.
Ich weiß es nicht.
Über die binomischen Formeln wurde jedenfalls nicht gesprochen.
Früher gegen heute – der große Generationenvergleich
Wir Erwachsenen behaupten ja gerne, früher sei alles besser gewesen.
War es natürlich.
Zumindest in unserer Erinnerung, die inzwischen zuverlässiger arbeitet als die Deutsche Bahn. Also ungefähr gar nicht.
Schauen wir uns das Ganze einmal genauer an.
Früher | Heute |
|---|
„Alter, bist du bescheuert?“ | „Digga, du bist komplett lost.“ |
Wir klingelten bei Freunden. | Man schreibt erst einmal „Bist du wach?“ |
Wer nicht zu Hause war, war nicht erreichbar. | Wer nicht antwortet, wird digital vermisst gemeldet. |
Wir hatten 20 Telefonnummern im Kopf. | Heute kennt man nicht mal die eigene auswendig. |
Peinliche Momente blieben im Freundeskreis. | Peinliche Momente bekommen 80.000 Aufrufe. |
Wir trafen uns draußen und machten Blödsinn. | Man trifft sich online und dokumentiert den Blödsinn. |
Wir hatten Bravo, MTV und Viva. | Heute gibt es TikTok, Twitch und YouTube. |
Wir wollten Rockstar werden. | Heute will man Influencer werden. |
Unsere Eltern verstanden unsere Musik nicht. | Wir verstehen teilweise nicht einmal mehr die Gespräche. |
Wir sagten: „Später wird alles anders!“ | Heute sagen wir: „Früher war alles besser!“ |
Und damit hätten wir den Salat.
Wir sind zu genau den Erwachsenen geworden, über die wir uns früher lustig gemacht haben.
Herzlichen Glückwunsch.
Die Evolution hat Humor.

Die Jugend von heute! Früher hätten wir so etwas niemals gemacht!
Diesen Satz liebe ich.
Besonders, wenn er von Menschen kommt, deren eigene Jugend vermutlich aus Alkohol, fragwürdigen Frisuren und Entscheidungen bestand, die heute strafrechtlich zumindest interessante Rückfragen auslösen könnten.
Früher wurde nicht gekifft?
Natürlich nicht. Die merkwürdigen Gerüche auf manchen Partys stammten ausschließlich von Räucherstäbchen.
Früher wurde nicht getrunken?
Niemals. Die Bierkästen waren Dekoration.
Früher hatten Jugendliche Respekt?
Selbstverständlich. Deshalb mussten Eltern auch nie laut werden, Türen wurden niemals geknallt und jeder kam grundsätzlich pünktlich nach Hause.
Wir waren alle kleine Engel.
Mit Vokuhila.
Und Jeans, für deren Herstellung vermutlich eine komplette Chemiefabrik verantwortlich war.
Der entscheidende Unterschied ist vielleicht nur, dass wir unseren Unsinn nicht ins Internet hochgeladen haben.
Unsere Jugendsünden existieren bestenfalls auf alten Fotos, VHS-Kassetten oder in den Erinnerungen ehemaliger Freunde.
Die heutige Jugend produziert ihre Peinlichkeiten in 4K.
Mit Untertiteln.
Und Werbekooperation.
2.000 Freunde, aber bitte nicht anrufen!
Besonders faszinierend finde ich unsere moderne Kommunikation.
Früher wollte man jemanden sprechen, also rief man an.
Ganz spontan.
Ohne Vorwarnung.
Einfach so.
Heute könnte ein unangekündigter Anruf offenbar als zwischenmenschlicher Übergriff gewertet werden.
„Warum ruft der einfach an? Kann der nicht schreiben?“
Man hat 2.000 Follower, 400 Kontakte, 17 Gruppenchats und einen Snapchat-Streak, der länger hält als manche Ehe.
Aber ein persönliches Gespräch?
Schwierig.
Dafür weiß man genau, welcher Influencer gerade sein Frühstück fotografiert, welcher Streamer ein neues Headset besitzt und welcher völlig fremde Mensch sich gestern von seiner Freundin getrennt hat.
Wir wissen alles über Menschen, die wir nicht kennen.
Und manchmal erschreckend wenig über die, die direkt neben uns sitzen.
Wobei ich fairerweise sagen muss: Auch wir Erwachsenen sind längst nicht besser.
Wir sitzen abends auf dem Sofa, scrollen eine Stunde durch belanglose Videos und beschweren uns anschließend darüber, dass die Jugend nur noch am Handy hängt.
Doppelmoral? Nein. Das nennt sich Lebenserfahrung.
Es gibt die einen. Und dann gibt es die anderen.
Jetzt möchte ich allerdings eines klarstellen.
Unsere Jugend besteht nicht ausschließlich aus lautstarken Digga-Dauersprechern mit botanischem Spezialwissen.
Es gibt unglaublich engagierte junge Menschen.
Jugendliche, die arbeiten, lernen, Angehörige unterstützen, sich ehrenamtlich engagieren, politische Verantwortung übernehmen oder schon mit 17 einen Lebensplan haben, während manche Erwachsene mit 45 noch überlegen, was sie eigentlich werden wollen, wenn sie groß sind.
Und dann gibt es Jugendliche, bei denen man sich fragt, ob der Akku des Smartphones möglicherweise auch die Gehirnleistung steuert.
12 Prozent Akku.
12 Prozent Restverstand.
Das ist natürlich eine völlig unwissenschaftliche Theorie.
Aber manchmal eine verführerische.
Trotzdem wäre es ziemlich dämlich, aus einer lauten Zugfahrt auf eine ganze Generation zu schließen.
Vielleicht war einer der Jugendlichen gerade auf dem Weg zu seiner Ausbildung.
Vielleicht schreibt einer hervorragende Noten.
Vielleicht engagiert sich einer für andere Menschen.
Vielleicht war es einfach nur eine Gruppe Freunde, die gemeinsam Blödsinn geredet hat.
Das haben wir früher schließlich auch gemacht.
Nur ohne Bluetooth.
Wer hat diese Generation eigentlich erzogen?
Wenn wir uns über die Jugend beschweren, sollten wir vielleicht einmal eine unangenehme Frage stellen.
Wer hat ihnen denn diese Welt gebaut?
Wer hat ihnen Smartphones gekauft?
Wer hat soziale Netzwerke groß gemacht?
Wer hat ihnen vorgelebt, dass man beim Essen Nachrichten beantwortet, im Urlaub E-Mails liest und selbst auf der Toilette noch erreichbar sein muss?
Ach ja.
Wir.
Die Erwachsenen.
Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der Aufmerksamkeit zur Währung geworden ist.
In der ein 15-Sekunden-Video mehr Reichweite erzielen kann als eine wissenschaftliche Veröffentlichung.
In der Menschen mit Millionen Followern als Vorbilder gelten, obwohl ihre größte erkennbare Leistung darin besteht, einen Rabattcode fehlerfrei auszusprechen.
Und dann wundern wir uns, wenn Jugendliche Influencer werden möchten.
Warum auch nicht?
Während der eine morgens um sechs zur Ausbildung fährt, erzählt der andere vor laufender Kamera, wie unfassbar anstrengend sein Tag war, weil er drei Pakete auspacken musste.
Natürlich ist Content Creation nicht grundsätzlich leicht oder anspruchslos. Aber das Bild, das manche davon vermitteln, ist schon bemerkenswert.
Und wir erwarten ernsthaft, dass Jugendliche in diesem Umfeld automatisch die gesellschaftlichen Werte entwickeln, die wir selbst gelegentlich nur noch sonntags in Sonntagsreden erwähnen.
Mutig.

Vielleicht sind nicht die Jugendlichen das Problem.
Zurück zu meiner Zugfahrt.
Während vor mir weiter fleißig „Digga“ gesagt wurde, ertappte ich mich irgendwann bei einem Gedanken.
Vielleicht verstehe ich diese Generation einfach nicht mehr.
Und vielleicht ist das völlig normal.
Meine Eltern haben unsere Musik nicht verstanden.
Meine Großeltern haben unsere Kleidung nicht verstanden.
Und ich verstehe inzwischen manche Gespräche nicht mehr.
Das nennt sich offenbar Generationenwechsel.
Oder beginnende Altersweisheit.
Je nachdem, wen man fragt.
Natürlich darf man kritisieren, wenn Jugendliche laut, respektlos oder rücksichtslos auftreten.
Aber das gilt auch für Erwachsene, die im Zug ihre Telefonate über Lautsprecher führen, ihre privaten Beziehungsprobleme mit dem gesamten Abteil teilen oder glauben, dass eine Videokonferenz im Ruhebereich eine großartige Idee ist.
Rücksichtslosigkeit kennt keine Altersgrenze.
Und Dummheit übrigens auch nicht.
Die hat es sogar schon bis in zahlreiche Führungspositionen geschafft.
Ganz ohne Digga.
Endstation. Digga, wir sind die Zukunft!
Irgendwann erreichte ich meinen Bahnhof.
Die Jugendlichen saßen noch immer vor mir.
Es ging weiterhin um Gras, irgendwelche Typen und Dinge, die offenbar „bodenlos“ waren.
Ich stieg aus.
Ein bisschen älter.
Ein bisschen verwirrter.
Aber immerhin mit der Erkenntnis, dass wir Erwachsenen vielleicht nicht ganz so überlegen sind, wie wir gerne glauben.
Denn die Jugend von heute wird irgendwann unsere Gesellschaft gestalten.
Sie wird Unternehmen führen, Häuser bauen, Krankheiten behandeln, Gesetze beschließen und möglicherweise eines Tages über unsere Renten entscheiden.
Ein Gedanke, der mich gleichzeitig hoffnungsvoll und leicht nervös macht.
Aber das hätten unsere Eltern vermutlich auch über uns gesagt.
Und irgendwie ist aus den meisten von uns ja doch noch etwas geworden.
Mehr oder weniger.
Vielleicht sollten wir also aufhören, ständig zu fragen, was mit der Jugend nicht stimmt.
Und stattdessen gelegentlich überlegen, was wir ihr eigentlich vorleben.
Denn die Zukunft beginnt nicht erst, wenn Jugendliche erwachsen werden.
Sie entsteht bereits heute.
Auch im Regionalexpress.
Auch zwischen zwei Gesprächen über Gras.
Und manchmal sogar zwischen 47 Diggas.
Eine letzte Bitte hätte ich allerdings noch an die nächste Generation:
Wenn ihr eines Tages im Bundestag sitzt, Operationen durchführt oder meine Rente berechnet, dürft ihr gerne weiterhin „Digga“ sagen.
Aber bitte nicht während der Operation:
„Digga, wo ist eigentlich die Niere?“
„Bruder, komplett lost.“
Dann nehme ich lieber die Vollnarkose.