Influencer? Ich dachte, das wäre eine Krankheit.
Darf ich kurz unterbrechen?
Ich komme aus einer Zeit, da war Influencer noch kein Beruf. Genau genommen war es nicht einmal ein Wort, das irgendjemand in meinem Umfeld benutzt hätte.
Hätte mir damals jemand erzählt, seine Tochter wolle Influencerin werden, hätte ich vermutlich besorgt gefragt, ob das ansteckend sei. Ob sie Fieber habe. Und ob man dagegen vielleicht etwas aus der Apotheke bekommt.
Heute ist Influencer für viele Menschen eine ernsthafte berufliche Perspektive. Manche verdienen damit ihren Lebensunterhalt, andere bauen ganze Unternehmen auf. Es gibt Managements, Agenturen, Werbeverträge und professionelle Produktionsstudios. Und irgendwo sitzt vermutlich ein Steuerberater, der inzwischen ganz selbstverständlich Rechnungen für „drei TikToks, zwei Reels und eine Story“ verbucht.
Donnerwetter. Da hat sich einiges getan.
Bevor jetzt jemand empört sein Smartphone zückt: Liebe Influencer, Content Creator, Streamer und alle, deren Berufsbezeichnung ich vermutlich erst einmal googeln müsste – das hier ist keine Beschwerde. Im Gegenteil. Ich finde es großartig, welche Möglichkeiten Menschen heute haben.
Ich komme nur aus einer Zeit, in der jemand mit einer Kamera entweder beim Fernsehen arbeitete, eine Hochzeit filmte oder im Urlaub versehentlich den Daumen vor die Linse hielt. Und vielleicht erklärt das meine gelegentliche Verwunderung.
Als Computer noch gefühlt angekurbelt werden mussten
Mein erster richtiger PC kam kurz nach der Wende zu uns nach Hause. Ich war ungefähr zehn oder elf Jahre alt und für mich war das damals eine Sensation. Als hätte die NASA beschlossen, eine Außenstelle in meinem Kinderzimmer zu eröffnen.
Aus heutiger Sicht müsste man das Gerät vermutlich erst einmal fragen, ob es gesundheitlich überhaupt noch in der Lage wäre, einen Taschenrechner zu öffnen.
Damals schaltete man einen Computer ein und wartete. Und wartete. Und manchmal wartete man einfach weiter. Heute beschweren wir uns, wenn eine App drei Sekunden zum Laden braucht. Früher hätte man in dieser Zeit vermutlich noch gemütlich einen Kaffee gekocht, die Hausaufgaben erledigt und nebenbei eine Ausbildung abgeschlossen.
Aber wir waren begeistert. Wir hatten schließlich Technik!
Floppy Disk, Datasette, Joystick, Walkman, Discman – unsere Kindheit war voller Begriffe, die heute klingen, als hätte sie sich jemand nach drei Gläsern Eierlikör ausgedacht.
Wer erinnert sich nicht an die gute alte Diskette? Dieses kleine Plastikquadrat, auf dem gerade genug Speicherplatz war, um einem heutigen Smartphone ein müdes Lächeln zu entlocken. „Bitte Diskette 2 einlegen“ war damals ein völlig normaler Satz. Heute würde man vermutlich glauben, das Gerät brauche medizinische Hilfe.
Und dann die Datasette! Ein Kassettenrekorder, mit dem man bei bestimmten Heimcomputern Programme laden konnte. Ja, tatsächlich. Software auf einer Kassette. Wer das heute einem Jugendlichen erzählt, erntet vermutlich denselben Blick, als würde man behaupten, früher seien E-Mails mit Brieftauben verschickt worden.
Später kam das Modem. Dieses wunderbare Gerät, das beim Einwählen ins Internet klang, als würde ein Faxgerät versuchen, mit einer außerirdischen Zivilisation Kontakt aufzunehmen. Während es piepte, kreischte und offenbar um sein Leben kämpfte, hoffte man, dass niemand im Haus telefonieren wollte.
Internet und Telefon gleichzeitig? Nun, wir wollten damals ja nicht gleich übertreiben.
Und trotzdem saßen wir fasziniert davor. Wir entdeckten eine völlig neue Welt, von der unsere Eltern wahrscheinlich genauso wenig verstanden wie wir heute von manchem TikTok-Trend.
„Mach den Computer aus und such dir ein vernünftiges Hobby!“
Diesen Satz haben vermutlich viele aus meiner Generation gehört. Computerspiele galten als Zeitverschwendung, stundenlanges Herumsitzen vor einem Bildschirm als fragwürdige Freizeitgestaltung.
„Davon wirst du später auch nicht leben können!“

Nun ja. Heute verdienen Menschen ihren Lebensunterhalt damit, Videospiele zu spielen, darüber zu sprechen oder anderen beim Spielen zuzuschauen. Manche betreiben professionelle Streaming-Kanäle, organisieren Veranstaltungen, produzieren Videos und haben eine Community, von der so mancher Fernsehsender nur träumen kann.
Ich stelle mir gerade vor, wie ich damals nach Hause gekommen wäre und verkündet hätte: „Ich werde später beruflich Computerspiele spielen. Andere Menschen bezahlen dafür, mir dabei zuzusehen.“
Vermutlich hätte man zunächst das Fieberthermometer gesucht und anschließend einen Termin beim Berufsberater vereinbart.
Heute würde man möglicherweise fragen: „Und wie viele Abonnenten hast du schon?“
Eigentlich eine herrliche Entwicklung. Wir haben früher stundenlang vor einem Bildschirm gesessen, um ein paar Pixel von links nach rechts zu bewegen. Heute sitzen Menschen vor dem Bildschirm und schauen anderen dabei zu.
So weit sind wir also gar nicht auseinander. Nur dass manche inzwischen Geld damit verdienen.
Irgendwas haben wir damals offenbar falsch gemacht.
„Ich bin Content Creator.“ – Ach so. Natürlich.
Besonders faszinierend finde ich die heutigen Berufsbezeichnungen.
Früher fragte man jemanden: „Und, was machst du beruflich?“
„Ich bin Tischler.“ Aha. Holz, Möbel, Handwerk. Verstanden.
„Ich bin Elektriker.“ Strom, Kabel, Finger weg. Ebenfalls verstanden.
Heute kann die Antwort lauten: „Ich bin Digital Content Creator mit Schwerpunkt Lifestyle, Personal Branding und Community Engagement.“
Natürlich. Und ich bin staatlich geprüfter Fernbedienungsbeauftragter mit Schwerpunkt abendlicher Streamingoptimierung.
Aber hinter diesen modernen Begriffen steckt oft deutlich mehr Arbeit, als man zunächst vermutet. Ideen entwickeln, recherchieren, filmen, schneiden, Texte schreiben, Bilder bearbeiten, Kommentare beantworten, Kooperationen verhandeln, Rechnungen stellen und sich ständig mit irgendwelchen Algorithmen beschäftigen, die offenbar selbst nicht immer wissen, was sie eigentlich wollen.
Viele machen das zunächst allein, ohne zu wissen, ob sich überhaupt jemand für ihre Inhalte interessiert. Andere haben inzwischen ganze Teams aufgebaut.
Das ist nicht einfach nur „ein bisschen Handy“. Das ist kreative Arbeit, Medienproduktion, Kommunikation und nicht selten ein ordentliches unternehmerisches Risiko.
Natürlich sehen wir vor allem die erfolgreichen Menschen. Die mit großen Reichweiten, schönen Reisen und Kooperationen. Weniger sichtbar sind diejenigen, die monatelang Inhalte produzieren und damit kaum etwas verdienen.
Ein virales Video ist schließlich noch keine Altersvorsorge. Und ein kostenlos zugeschicktes Shampoo bezahlt leider auch keine Miete.
Hinzu kommt etwas, das ich persönlich ziemlich anstrengend fände: Man macht sich selbst öffentlich. Die eigene Stimme, das Gesicht, manchmal sogar das Privatleben. Und plötzlich hat jeder eine Meinung dazu.
„Warum sieht der heute so müde aus?“ – Weil ich müde bin, Dieter.
„Warum trägt der schon wieder dasselbe?“ – Weil meine Waschmaschine keine Sponsorenverträge hat.
„Warum ist der nicht besser gelaunt?“ – Weil ich gerade deine Kommentare lese.
Ich glaube, für diesen Teil des Berufs bräuchte ich eine ziemlich dicke Haut. Oder jemanden, der mir regelmäßig das Internet ausschaltet.
Vielen Dank für die Rose. Herzlich willkommen. Halleluja.
Was mich an der Welt der Influencer allerdings fast noch mehr fasziniert als die neuen Berufsbilder, ist die schier unendliche Themenvielfalt.
Es gibt Menschen, die komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge so verständlich erklären, dass ich mich frage, warum mein Physiklehrer das damals nicht hinbekommen hat. Andere zeigen, wie man Computer repariert, alte Möbel restauriert, fantastische Gerichte kocht oder historische Ereignisse aufarbeitet.
Ich schaue mir solche Inhalte selbst gern an und bin immer wieder erstaunt, wie viel Wissen, Kreativität und Leidenschaft darin stecken können.
Und dann gibt es diese anderen Momente.
Neulich scrollte ich durch eine Plattform und landete bei einem Künstler, der einen NPC spielte.
Einen NPC.
Für alle, die jetzt ähnlich ratlos schauen wie ich: NPC steht für Non-Player Character. Das sind die computergesteuerten Figuren in Videospielen, die oft immer wieder dieselben Bewegungen machen und dieselben Sätze sagen.
Nun gibt es also Menschen, die genau das vor einer Kamera nachspielen. Auf bestimmte virtuelle Geschenke oder Kommentare reagieren sie mit festgelegten Bewegungen und wiederkehrenden Sprüchen.
„Vielen Dank für die Rose!“
„Herzlich willkommen!“
„Schön, dass du da bist!“
Dazu ein paar mechanische Bewegungen, ein Lächeln und wieder von vorn.

Ich saß davor und dachte zunächst, mein Internet hätte sich aufgehängt.
Aber nein. Das gehörte offenbar so.
Halleluja.
Ich habe schon einiges im Internet gesehen. Aber da musste ich tatsächlich einen Moment überlegen, ob ich gerade einer neuen Kunstform begegne oder ob mein Gehirn dringend ein Softwareupdate benötigt.
Und bevor mir jetzt jemand vorwirft, ich würde mich darüber lustig machen: Natürlich respektiere ich das. Da hat jemand eine Idee, setzt sie um und findet Menschen, die sich dafür begeistern. Vielleicht steckt darin sogar mehr schauspielerisches Können, Timing und Ausdauer, als ich auf den ersten Blick erkenne.
Es ist nur einfach nicht mein favorisierter Content.
Während andere offenbar begeistert zuschauen, denke ich mir: What the fuck?
Und was mache ich?
Ich scrolle weiter.
So einfach kann das Leben sein.
Niemand muss sich rechtfertigen, weil er etwas mag, das ich nicht verstehe. Und ich muss auch nicht alles mögen, nur weil andere es großartig finden.
Wäre ja noch schöner.
Fünf Etagen, ein Mann und vielleicht die nächste große Karriere
Vielleicht sollte ich selbst einfach Influencer werden. Ich hätte sogar schon eine Geschäftsidee. Eine echte Marktlücke, wenn ihr mich fragt.
Treppenhaus-Content.
Ich wohne im fünften Stock. Ohne Aufzug. Das bedeutet, ich verfüge bereits über ein vollständig ausgestattetes, jederzeit verfügbares Fitnessstudio. Nur eben ohne Mitgliedsbeitrag, ohne Trainer und leider auch ohne die Möglichkeit, das Abo zu kündigen.
Warum also nicht das Smartphone aufstellen und meinen täglichen Aufstieg dokumentieren?
„Hallo, meine Lieben! Schön, dass ihr wieder dabei seid. Heute versuchen wir erneut, den fünften Stock zu erreichen. Gestern war es knapp, aber ich bin optimistisch.“
Im zweiten Stock würde ich vermutlich noch einigermaßen souverän in die Kamera lächeln. Im dritten Stock kämen die ersten Zweifel. Im vierten würde ich anfangen, meine bisherigen Lebensentscheidungen zu hinterfragen.
Und für die fünfte Etage bräuchten wir wahrscheinlich eine Sauerstoffflasche, ein medizinisches Betreuungsteam und jemanden, der meinen Angehörigen vorsichtig erklärt, dass ich es immerhin bis zum Treppenabsatz geschafft habe.
Aber warum sollten wir uns damit zufriedengeben? Jeder erfolgreiche Content Creator muss sein Format schließlich irgendwann weiterentwickeln. Immer nur Treppensteigen? Das wird doch irgendwann langweilig.
Wir brauchen mehr Spannung. Mehr Drama. Mehr Content!
Und da hätte ich schon die nächste Idee: Treppenhaus-Influencer – das große Einkaufsspecial!

Schließlich muss auch ich, wie vermutlich die meisten anderen Menschen, gelegentlich einkaufen. Und stellt euch das einmal vor: Ich komme vom Supermarkt zurück, vollbepackt wie ein Packesel. In jeder Hand mehrere Einkaufstüten, unter dem Arm noch eine Packung Toilettenpapier und irgendwo dazwischen der verzweifelte Versuch, den Haustürschlüssel aus der Hosentasche zu bekommen.
Aber das eigentliche Highlight wären natürlich die Getränke.
Diese wunderbaren Sechserpacks, die im Supermarkt noch völlig harmlos aussehen, auf dem Weg in den fünften Stock aber offenbar eine geheimnisvolle Fähigkeit entwickeln, ihr Gewicht mit jeder Etage zu verdoppeln.
Im zweiten Stock würde ich noch tapfer durchhalten. Im dritten vermutlich anfangen, mit den Wasserflaschen über eine Gewichtsreduzierung zu verhandeln. Im vierten wäre ich bereit, sämtliche Getränke kostenlos an meine Nachbarn zu verschenken. Hauptsache, irgendjemand nimmt sie mir ab.
Und im fünften Stock?
Da läge ich vermutlich irgendwo zwischen Fußmatte und Wohnungstür, während das Smartphone noch immer fröhlich filmt.
„So, Freunde ... das war's für heute ... morgen gibt's wieder ein neues Video ... falls ich bis dahin meine Arme wieder bewegen kann.“
Natürlich müsste das Ganze professionell produziert werden. Mit dramatischer Musik, eingeblendeter Herzfrequenz und einer Live-Abstimmung darüber, ob ich die letzte Etage noch schaffe oder wir vorsorglich den Rettungsdienst verständigen.
Vielleicht könnte man sogar Sponsoren gewinnen. Einen Mineralwasserhersteller beispielsweise. Wobei ich darauf bestehen würde, dass die nächste Lieferung direkt in die Wohnung erfolgt.
Das wäre doch Premium-Content!
Und irgendwo sitzt dann tatsächlich ein Paar gemütlich auf dem Sofa, verfolgt meinen heldenhaften Kampf gegen die Schwerkraft und plötzlich sagt einer zum anderen:
„Schatz, schau mal! Der ist ja genauso bekloppt wie wir!“
Und beide lachen.
Nicht, weil ich etwas besonders Außergewöhnliches geleistet hätte. Sondern weil sie diese Situation kennen. Weil sie selbst schon mit zwei Getränkekisten im Treppenhaus standen und spätestens im dritten Stock überlegt haben, ob ein Umzug ins Erdgeschoss nicht doch eine vernünftige Lebensentscheidung wäre.
Und genau da liegt vielleicht das Geheimnis von so manchem erfolgreichen Content.
Es muss nicht immer spektakulär sein. Nicht immer perfekt inszeniert. Manchmal reicht ein ganz gewöhnlicher Mensch, der etwas ganz Gewöhnliches erlebt – und andere erkennen sich darin wieder.
Vielleicht würde ich mit meinem Treppenhaus tatsächlich irgendwann eine kleine Fangemeinde aufbauen.
Vielleicht aber auch nicht.
Wobei ich persönlich weiterhin einen Aufzug bevorzugen würde. Auch ohne Follower.
Für jeden Sonderling gibt es irgendwo andere Sonderlinge
Manchmal finde ich diese digitale Themenvielfalt fast ein bisschen beängstigend. Nicht, weil ich sie schlecht finde, sondern weil sie mir zeigt, wie wenig ich eigentlich von all dem kenne, was andere Menschen begeistert.
Da gibt es Menschen, die stundenlang alte Uhren restaurieren, Teppiche reinigen, Aquarien einrichten oder historische Landkarten analysieren. Andere flüstern in Mikrofone und erzeugen Geräusche, die offenbar entspannend wirken. Das nennt sich ASMR.
Ich gebe zu, als ich das zum ersten Mal gesehen habe, war mein erster Gedanke nicht unbedingt: „Wunderbar, genau das hat meinem Leben bisher gefehlt.“
Aber offenbar hilft es manchen Menschen beim Entspannen. Warum also nicht?
Ich selbst habe schon Videos angeschaut, in denen jemand mit einem Hochdruckreiniger eine völlig verdreckte Einfahrt säubert. Eigentlich wollte ich nur kurz etwas nachsehen. Zwölf Minuten später war ich immer noch dabei und wollte unbedingt wissen, ob die letzte Ecke auch sauber wird.
Da sollte ich mit meinen Urteilen vielleicht etwas vorsichtiger sein.
Vielleicht ist das sogar eine der schönsten Entwicklungen des Internets: Menschen können andere finden, die ihre Interessen teilen, selbst wenn diese im unmittelbaren Umfeld niemanden begeistern.
Früher war man mit einem ungewöhnlichen Hobby möglicherweise der Sonderling in der Nachbarschaft. Heute findet man online fünftausend andere Sonderlinge, die genau dasselbe lieben.
Plötzlich ist man nicht mehr allein.
Und mal ganz ehrlich: Ist das nicht irgendwie wunderbar?
Natürlich bringt diese Vielfalt auch jede Menge Unsinn hervor. Aber das war früher nicht anders. Man musste nur den Fernseher einschalten und hatte innerhalb weniger Minuten ausreichend Beweismaterial.
Nicht alles muss lehrreich sein. Nicht alles braucht einen tieferen Sinn. Manchmal darf Unterhaltung einfach Unterhaltung sein.
Selbst dann, wenn ich persönlich nach dreißig Sekunden lieber weiterscrolle.
Wer entscheidet eigentlich, was ein richtiger Beruf ist?
Je länger ich darüber nachdenke, desto merkwürdiger erscheint mir die Diskussion darüber, ob Influencer überhaupt einen „richtigen Beruf“ ausüben.
Was genau macht einen Beruf denn richtig?
Dass man morgens um sieben das Haus verlässt? Dass man eine Stempelkarte besitzt? Dass man einen Blaumann trägt, hinter einem Schreibtisch sitzt oder jeden Monat dieselbe Gehaltsabrechnung bekommt?
Natürlich brauchen wir Menschen, die Häuser bauen, Kranke versorgen, Lebensmittel herstellen und Maschinen reparieren. Ohne sie würde unser Alltag ziemlich schnell zusammenbrechen.
Aber warum sollte das bedeuten, dass kreative oder digitale Arbeit weniger wert ist?
Ein Schriftsteller erzählt Geschichten, ein Musiker unterhält Menschen, ein Fotograf hält Momente fest und ein Moderator führt durch Sendungen. Ein guter Content Creator verbindet möglicherweise mehrere dieser Tätigkeiten miteinander.
Nur eben auf einer anderen Plattform.
Nicht jedes Video ist deshalb automatisch ein Meisterwerk. Aber das gilt für Fernsehsendungen, Bücher und Filme schließlich genauso.
Ich habe schon Filme gesehen, bei denen ich nach zwanzig Minuten ernsthaft darüber nachgedacht habe, dem Regisseur meine Stromrechnung zu schicken.
Und wir sollten auch nicht vergessen, dass wir selbst die Inhalte konsumieren, über deren Produzenten wir uns gelegentlich wundern.
Wir schauen Tutorials, hören Podcasts, verfolgen Livestreams und lassen uns Produkte erklären. Abends sitzen wir gemütlich auf dem Sofa, schauen jemandem beim Kochen zu und sagen anschließend: „Diese Influencer, die arbeiten doch gar nicht richtig.“
Irgendjemand muss das alles aber produzieren.
Das passiert nicht automatisch, nur weil man irgendwo auf „Aufnahme“ drückt.
Natürlich gibt es auch fragwürdige Inhalte, übertriebene Werbeversprechen und Menschen, die mit ihrer Reichweite nicht besonders verantwortungsvoll umgehen. Wer Werbung macht, sollte sie kenntlich machen. Wer Informationen verbreitet, sollte sorgfältig damit umgehen.
Aber schwarze Schafe gibt es in nahezu jeder Branche.
Wir erklären schließlich auch nicht das gesamte Handwerk für überflüssig, nur weil einmal jemand eine Wasserleitung falsch angeschlossen hat.
Vielleicht werden wir einfach langsam zu unseren Eltern
Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich die Perspektive verändert.
Früher haben wir die Augen verdreht, wenn Erwachsene unsere Technik nicht verstanden. Heute sitzen wir selbst da und fragen, warum jemand einem NPC-Streamer virtuelle Rosen schenkt.
Früher hieß es: „Was willst du denn mit diesem Computer?“
Heute fragen wir: „Was willst du denn mit diesem TikTok?“
Dabei haben wir selbst erlebt, wie sich die Welt innerhalb weniger Jahrzehnte verändert hat. Vom Kassettenrekorder zum Streamingdienst, von der Diskette zur Cloud, vom Modem zum Glasfaseranschluss und vom Fotoalbum zum öffentlichen Instagram-Profil.
Und irgendwann wurde aus „Geh endlich vom Computer weg!“ die Frage: „Kannst du mit dem Computer eigentlich Geld verdienen?“

Vielleicht sind Influencer also gar keine besonders absurde Erscheinung. Vielleicht sind sie einfach die logische Fortsetzung einer Entwicklung, die wir selbst begeistert mitgemacht haben.
Nur hat uns niemand rechtzeitig gesagt, dass ausgerechnet das, was früher als Spielerei galt, irgendwann ein Geschäftsmodell werden könnte.
Und vielleicht sollten wir auch nicht vergessen, dass unsere Eltern damals genauso wenig nachvollziehen konnten, warum wir stundenlang vor unseren Computern saßen.
Der Unterschied ist nur: Wir haben inzwischen genügend Lebenserfahrung gesammelt, um zu wissen, dass wir nicht alles verstehen müssen.
Theoretisch jedenfalls.
Praktisch sitze ich trotzdem manchmal vor dem Bildschirm und denke: „Ach du meine Güte.“
Und wisst ihr was? Ich finde das ziemlich großartig.
Bei aller Verwunderung über NPC-Streamer, virtuelle Rosen und Menschen, die anderen Menschen beim Teppichreinigen zuschauen, bleibt für mich eine Erkenntnis:
Ich finde es wunderbar, dass es heute so viele Möglichkeiten gibt, den eigenen Weg zu gehen.
Dass jemand mit einer Kamera, einer Idee und viel Ausdauer etwas Eigenes aufbauen kann. Dass Menschen ihre Begeisterung für Musik, Technik, Spiele, Bücher, Reisen oder völlig ungewöhnliche Hobbys mit anderen teilen können.
Dass man nicht erst einen Fernsehsender, einen Verlag oder einen Produzenten überzeugen muss, bevor man überhaupt eine Chance bekommt, ein Publikum zu erreichen.
Natürlich gelingt das nicht jedem. Natürlich braucht es Können, Durchhaltevermögen, manchmal Geld und gelegentlich auch eine ordentliche Portion Glück.
Aber die Möglichkeit allein ist schon bemerkenswert.
Ich muss nicht jeden Trend mitmachen. Ich muss nicht jedes neue Wort sofort verstehen. Und ich werde vermutlich auch nie begeistert vor einer Kamera stehen und erzählen, welche Gesichtscreme mein Leben verändert hat.
Wobei ...
Wenn mir jemand eine Creme anbieten kann, die mich morgens zehn Jahre jünger aussehen lässt, könnten wir vielleicht doch noch über eine Kooperation sprechen.
Aber im Ernst: Ich finde es schön, wenn Menschen etwas tun können, das ihnen Freude macht, andere begeistert und ihnen vielleicht sogar ein Einkommen ermöglicht.
Ob jemand Brot backt, Häuser baut, programmiert, streamt oder Videos produziert, sollte dabei gar nicht die entscheidende Frage sein.
Wichtiger ist doch, ob jemand seine Sache mit Leidenschaft, Können und Verantwortung macht.
Und wenn jemand dabei sogar glücklich wird, dann sollten wir uns eigentlich mitfreuen.
Ganz ohne Fieberthermometer.
Mal eine Zwischenfrage zum Schluss:
Vielleicht sollten wir weniger darüber diskutieren, ob Influencer ein „richtiger Beruf“ ist, und uns stattdessen fragen, warum wir neue Berufe eigentlich so oft erst dann ernst nehmen, wenn wir selbst verstehen, wie man damit Geld verdient.
Ist es nicht großartig, dass Menschen heute Möglichkeiten haben, von denen wir früher nicht einmal wussten, dass es sie eines Tages geben könnte?
Und wäre unsere Welt nicht furchtbar langweilig, wenn wir alle dieselben Interessen hätten, dieselben Videos schauen und dieselben Dinge gut finden würden?
An meine lieben Influencer, Streamer und Content Creator: Macht euer Ding. Seid kreativ, seid mutig und bleibt neugierig. Und nehmt es uns nicht übel, wenn wir manchmal etwas verwundert zuschauen.
Wir kommen aus einer Zeit, in der ein Computer beim Einschalten Geräusche machte, als müsste er gleich auf die Intensivstation.
Da darf man bei neuen Berufsbezeichnungen und virtuellen Rosen schon mal durcheinanderkommen.
Und falls ihr irgendwann selbst nicht mehr versteht, womit die nächste Generation ihr Geld verdient: Willkommen im Club.
Ich bin dann wahrscheinlich gerade auf dem Weg in die fünfte Etage.
Falls ihr mich sucht: Folgt einfach dem Schnaufen.