Sie brauchen einen Facharzt? Haben Sie schon 2028 etwas vor?
Thomas ist 54 Jahre alt, gesetzlich versichert und hat seit Wochen Beschwerden. Sein Hausarzt empfiehlt einen Facharzt. Also möchte Thomas einen Termin vereinbaren. Was folgt, ist eine Reise durch Warteschleifen, Onlineportale, Vermittlungscodes und die erstaunlich komplizierte Welt der medizinischen Versorgung. Willkommen in einem Gesundheitssystem, das medizinisch unglaublich viel kann. Vorausgesetzt, man kommt irgendwann dran.
Thomas ist 54 Jahre alt. Er arbeitet seit Jahrzehnten, zahlt brav seine Krankenversicherungsbeiträge und war eigentlich immer ganz zufrieden damit, dass wir in Deutschland ein funktionierendes Gesundheitssystem haben.
Bis zu jenem Dienstagmorgen.
Seit einigen Wochen hat Thomas Schmerzen im Knie. Anfangs dachte er, das würde schon wieder verschwinden. Schließlich ist man mit 54 nicht mehr 25, und wenn morgens etwas knackt, ist das nicht unbedingt die Tür.
Aber die Beschwerden bleiben. Also geht Thomas zu seinem Hausarzt. Der untersucht ihn und empfiehlt eine fachärztliche Abklärung beim Orthopäden.
„Lassen Sie das bitte zeitnah untersuchen.“
Thomas nickt. Natürlich. Gesundheit ist wichtig. Das hört man schließlich ständig.
Zu Hause setzt er sich an seinen Computer, sucht nach einem Orthopäden in seiner Nähe und greift zum Telefon.
„Guten Tag, ich bräuchte einen Termin.“
„Sind Sie bereits Patient bei uns?“
„Nein.“
„Dann nehmen wir leider keine neuen Patienten auf.“
Thomas bedankt sich freundlich. Nächste Praxis.
„Wir sind bis auf Weiteres ausgebucht.“
Nächste Praxis.
„Versuchen Sie es bitte im nächsten Quartal.“
Nächste Praxis.
„Wir haben momentan leider keine freien Termine.“
Nach dem sechsten Telefonat hat Thomas zwar noch keinen Arzttermin, dafür aber eine erstaunlich gute Übersicht über die Mittagspausen sämtlicher orthopädischer Praxen im Umkreis von 30 Kilometern.
Vielleicht sollte er sich damit selbstständig machen.
„Thomas – Ihr persönlicher Facharzt-Warteschleifenberater. Ich kenne alle Öffnungszeiten. Nur keine freien Termine.“
Willkommen im Land der medizinischen Möglichkeiten. Bitte warten.
Eigentlich müsste Thomas ziemlich beruhigt sein.
Deutschland verfügt über moderne Krankenhäuser, hoch qualifizierte Ärztinnen und Ärzte, spezialisierte Behandlungszentren und medizinische Technik, mit der man Dinge untersuchen kann, die vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wären.
Das ist großartig.
Nur hilft Thomas die modernste Diagnosetechnik herzlich wenig, solange er keinen Termin bekommt, bei dem jemand entscheidet, ob er sie überhaupt benötigt.
Und Thomas ist mit seiner Erfahrung nicht allein.
Nach Angaben aus einer Antwort der Bundesregierung, über die das Deutsche Ärzteblatt am 4. Februar 2026 berichtete, warteten gesetzlich Versicherte im Jahr 2024 durchschnittlich 42 Tage auf einen Facharzttermin, sofern sie mindestens einen Tag warten mussten. 2019 waren es noch 33 Tage.
42 Tage. Sechs Wochen.
Natürlich ist das ein Durchschnitt. Manche Menschen bekommen deutlich schneller einen Termin, andere warten länger. Auch Fachrichtung, Region und medizinische Dringlichkeit spielen eine Rolle.
Aber Thomas interessiert sich gerade weniger für den statistischen Durchschnitt als für sein Knie.
Das hat nämlich keine Lust, sechs Wochen lang geduldig auf die nächste Veröffentlichung einer Versichertenbefragung zu warten.
Und so stellt Thomas eine Frage, die in unserem Gesundheitssystem offenbar gar nicht so einfach zu beantworten ist:
„Wenn ich medizinische Hilfe brauche, warum muss ich dann erst herausfinden, wo ich sie überhaupt bekommen kann?“
Gesetzlich oder privat? Thomas lernt eine neue medizinische Fachrichtung kennen.
Bei seiner weiteren Suche stößt Thomas auf ein Onlineportal. Er gibt seine Postleitzahl ein, wählt die Fachrichtung Orthopädie und klickt auf „Termin suchen“.
Keine Termine verfügbar.
Er erweitert den Umkreis.
Keine Termine verfügbar.
Er erweitert ihn noch einmal.
Immerhin. Ein Termin in einer Praxis, für die Thomas fast eine Stunde fahren müsste.
Dann entdeckt er einen Filter.
„Versicherungsart“.
Gesetzlich.
Privat.
Thomas klickt neugierig auf „Privat“.
Plötzlich werden ihm weitere Termine angezeigt.
Thomas schaut auf seinen Bildschirm.
Dann auf seine Gesundheitskarte.
Dann wieder auf den Bildschirm.
Er hatte bisher angenommen, dass die Dringlichkeit medizinischer Untersuchungen hauptsächlich davon abhängt, wie krank ein Mensch ist.
Offenbar gibt es noch weitere interessante organisatorische Gesichtspunkte.
Natürlich sind gesetzliche und private Krankenversicherung unterschiedlich organisiert. Die Vergütung ärztlicher Leistungen unterscheidet sich, und nicht jede Praxis bietet dieselben Termine für alle Versicherungsarten an. Auch privat Versicherte bekommen nicht automatisch überall sofort einen Termin.
Aber Thomas fragt sich trotzdem, ob es eigentlich richtig ist, dass die Art der Versicherung Einfluss darauf haben kann, wie schnell jemand Zugang zu einer Untersuchung bekommt.
Er stellt sich vor, das Prinzip würde auch bei der Feuerwehr gelten.
„Guten Tag, mein Haus brennt.“
„Selbstverständlich. Sind Sie gesetzlich oder privat feuerversichert?“
„Gesetzlich.“
„Dann hätten wir nächsten Donnerstag einen Löschtermin.“
Natürlich ist das absurd. Medizinische Notfälle werden unabhängig von der Versicherungsart versorgt, und Thomas' Kniebeschwerden sind kein vergleichbarer Notfall.
Aber die Frage dahinter bleibt.
Sollte bei der medizinischen Versorgung nicht zuerst entscheidend sein, was einem Menschen fehlt – und nicht, wie seine Versicherung abrechnet?
Solange Sie noch laufen können, kann es ja nicht so schlimm sein. Oder?
Während Thomas weiter nach einem Termin sucht, kommt ihm eine andere Frage in den Sinn.
Wann ist man in Deutschland eigentlich ein medizinischer Notfall?
Wenn man nicht mehr laufen kann?
Wenn man bewusstlos wird?
Wenn man vor Schmerzen nicht mehr weiß, wohin mit sich?
Oder erst dann, wenn man im Wartezimmer vom Stuhl fällt und damit überzeugend genug demonstriert, dass es einem wirklich schlecht geht?
Natürlich ist die Vorstellung absurd, dass jemand nur deshalb kein Notfall sein könne, weil er noch selbstständig laufen kann.
Und medizinisch ist sie falsch.
Ein Mensch kann durchaus aufrecht stehen, sprechen und selbstständig eine Klinik betreten und trotzdem dringend medizinische Hilfe benötigen.
Ein besonders eindrückliches Beispiel sind plötzlich auftretende schwere Sehstörungen.
Stellen wir uns vor, Thomas' Nachbar Peter wacht eines Morgens auf und sieht auf einem Auge plötzlich fast nichts mehr.
Er kann laufen.
Er kann sprechen.
Er kann sogar noch selbstständig seine Schuhe anziehen.
Nur sehen kann er plötzlich erheblich schlechter.
Wäre es da sinnvoll, ihm zu erklären, dass er doch erst einmal versuchen solle, einen regulären Augenarzttermin zu vereinbaren?
Natürlich nicht.
Plötzlich auftretende Sehstörungen können beispielsweise ein Anzeichen für einen Schlaganfall oder eine akute Augenerkrankung sein. Solche Symptome müssen dringend medizinisch abgeklärt werden. Bei Verdacht auf einen Schlaganfall ist sofort die 112 zu wählen.
Darauf weisen unter anderem das Deutsche Rote Kreuz und das Bundesgesundheitsportal hin.
Die Augenklinik des LMU Klinikums München nennt plötzliche Sehminderung ausdrücklich als Grund für eine Vorstellung in ihrer Notfallambulanz.
Es gibt also keine medizinische Regel nach dem Motto: Wer noch laufen kann, ist kein Notfall.
Entscheidend sind die Beschwerden und die medizinische Gefährdung. In Notaufnahmen erfolgt deshalb eine Ersteinschätzung nach Dringlichkeit und nicht danach, wer zuerst angekommen ist oder wie selbstständig jemand den Empfangstresen erreicht hat.
Trotzdem zeigt die überspitzte Vorstellung ein Problem.
Patientinnen und Patienten müssen oft selbst entscheiden, wie dringend ihre Beschwerden sind und welche Stelle sie kontaktieren sollen.
Ist das noch etwas für den Hausarzt? Für die 116117? Für eine Facharztpraxis? Oder bereits für die Notaufnahme?
Und was passiert, wenn jemand seine Beschwerden unterschätzt?
Vielleicht sollten wir uns weniger dafür interessieren, ob ein Patient noch laufen kann, und mehr dafür, ob er rechtzeitig die medizinische Hilfe bekommt, die er benötigt.
Thomas entdeckt die 116117. Und schöpft neue Hoffnung.
Nach einigen Tagen erzählt Thomas einem Kollegen von seiner erfolglosen Suche.
„Ruf doch mal bei der 116117 an.“
Thomas schaut ihn an.
„Ist das eine neue Telefonnummer vom Orthopäden?“
„Nein, die Terminservicestelle.“
Thomas ist begeistert.
Eine zentrale Stelle, die bei der Vermittlung von Arztterminen hilft? Warum hat ihm das niemand früher gesagt?
Tatsächlich gibt es die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen. Über die bundesweite Rufnummer 116117 und das zugehörige Onlineangebot können gesetzlich Versicherte bei der Suche nach geeigneten Arztterminen unterstützt werden.
Für bestimmte Facharzttermine wird grundsätzlich eine Überweisung mit Vermittlungscode benötigt. Bei Haus-, Augen-, Frauen- sowie Kinder- und Jugendärzten gelten Ausnahmen. Die Terminservicestellen bieten außerdem medizinische Ersteinschätzung und Hilfe bei der Wahl der richtigen Versorgung an.
Das erläutert die Kassenärztliche Bundesvereinigung zum Patientenservice 116117.
Thomas schaut auf seine Überweisung.
Ein Vermittlungscode ist nicht darauf vermerkt.
Also ruft er zunächst wieder bei seinem Hausarzt an, um zu klären, ob er einen solchen Code benötigt und bekommen kann.
Wunderbar.
Er wollte einen Orthopäden sprechen und hat inzwischen mehr Telefonate geführt als während seiner letzten drei Urlaubsplanungen zusammen.

Fairerweise muss man sagen, dass die Terminservicestellen vielen Menschen tatsächlich helfen.
Nach einer Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung betrug die durchschnittliche Wartezeit bei den über die Terminservicestellen vermittelten Facharztterminen 2025 rund 8,6 Tage. Etwa 91 Prozent der Versicherten erhielten innerhalb von 28 Tagen einen Termin.
Das klingt deutlich besser als die 42 Tage aus der allgemeinen Versichertenbefragung.
Allerdings werden hier unterschiedliche Dinge gemessen: verschiedene Zeiträume, unterschiedliche Patientengruppen und unterschiedliche Vermittlungswege.
Thomas ist das egal. Er möchte einfach nur wissen, ob er einen Termin bekommt.
Und tatsächlich: Über die Terminvermittlung erhält er schließlich einen Termin.
Nicht bei seiner Wunschpraxis, sondern in einer anderen Stadt.
Aber immerhin.
Thomas freut sich fast so sehr, als hätte er gerade Karten für ein ausverkauftes Konzert ergattert.
Nur dass er beim Konzert vermutlich weniger Zeit mit der Anreise verbringen würde.
Unsere Ärzte sind nicht das Problem. Zumindest nicht allein.
Thomas ist inzwischen ziemlich genervt.
Aber er ist nicht wütend auf seinen Hausarzt. Auch nicht auf die freundliche medizinische Fachangestellte, die ihm am Telefon erklärt hat, dass der Kalender ihrer Praxis bereits voll ist.
Denn natürlich kann eine Arztpraxis nicht unbegrenzt Termine vergeben.
Ärztinnen und Ärzte behandeln Patienten, dokumentieren Befunde, erstellen Berichte, organisieren Therapien und müssen sich mit einer Menge Verwaltungsaufwand beschäftigen.
Dazu kommen wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Personalengpässe und ein Gesundheitssystem, das nicht gerade dafür bekannt ist, besonders unkompliziert organisiert zu sein.
Und dann gibt es noch einen Aspekt, den Thomas bisher überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.
Ärzte müssen ihre Arbeit teilweise vorfinanzieren.
Nicht unbedingt so, wie man sich das zunächst vorstellt. Eine Praxis behandelt nicht drei Monate lang sämtliche Patienten, ohne in dieser Zeit überhaupt Geld zu bekommen.
Aber das Abrechnungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung ist tatsächlich bemerkenswert.
Vertragsärztliche Praxen reichen ihre Abrechnungen grundsätzlich quartalsweise bei ihrer Kassenärztlichen Vereinigung ein. Die Krankenkassen zahlen die sogenannte Gesamtvergütung an die Kassenärztlichen Vereinigungen, die das Honorar nach den geltenden Regeln an die Praxen verteilen.
Das erklärt die Kassenärztliche Bundesvereinigung in ihrem Dossier zur Finanzierung.
Die Praxen erhalten normalerweise regelmäßige Abschlagszahlungen. Die endgültige Honorarabrechnung und eine mögliche Restzahlung erfolgen aber erst später.
Wie spät?
Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns nennt für das erste Quartal 2026 beispielsweise den 31. Juli 2026 als Termin der Restzahlung.
Das bedeutet: Leistungen, die eine Praxis im Januar, Februar oder März erbracht hat, werden im Rahmen der endgültigen Quartalsabrechnung teilweise erst Ende Juli finanziell abschließend ausgeglichen.
Währenddessen laufen die Kosten weiter.
Die medizinischen Fachangestellten möchten verständlicherweise jeden Monat ihr Gehalt bekommen. Der Vermieter wartet nicht bis zur nächsten Honorarabrechnung. Strom, Praxissoftware, medizinische Geräte, Versicherungen und Verbrauchsmaterialien werden auch nicht erst dann fällig, wenn die Kassenärztliche Vereinigung ihre Abrechnung abgeschlossen hat.
Thomas stellt sich vor, sein Arbeitgeber würde ihm erklären:
„Sie bekommen jeden Monat einen Abschlag auf Ihr Gehalt. Was Sie tatsächlich verdient haben, rechnen wir nach dem Quartal aus. Die Restzahlung gibt es dann einige Monate später.“
Thomas wäre begeistert.
Vermutlich ungefähr so begeistert wie sein Vermieter.
Natürlich ist eine Arztpraxis kein normales Angestelltenverhältnis. Abschlagszahlungen dienen gerade dazu, die laufende Finanzierung sicherzustellen. Und nicht jede Praxis hat deshalb automatisch Liquiditätsprobleme.
Trotzdem zeigt das System, dass niedergelassene Ärztinnen und Ärzte neben ihrer medizinischen Arbeit erhebliche wirtschaftliche Verantwortung tragen.
Sie sollen Menschen behandeln, Personal beschäftigen, moderne Technik finanzieren und ihre Praxis wirtschaftlich führen. Gleichzeitig erfahren sie teilweise erst nachträglich, wie hoch ihr endgültiges Honorar ausfällt.

Und als wäre das nicht kompliziert genug, kommt noch ein weiterer Punkt hinzu.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung kritisiert seit Langem, dass bestimmte fachärztliche Leistungen innerhalb geltender Vergütungsbegrenzungen nicht zusätzlich bezahlt werden. In einer Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung vom Februar 2026 wird die Position vertreten, dass rund 13 Prozent der fachärztlichen Behandlungsleistungen beziehungsweise mehr als 40 Millionen Termine nicht zusätzlich vergütet würden.
Diese Angaben stammen aus der ärztlichen Selbstverwaltung. Sie bedeuten nicht, dass 40 Millionen zusätzliche Termine sofort zur Verfügung stünden, und die Vergütungsregeln unterscheiden sich nach Leistungsbereich und Arztgruppe.
Aber sie machen deutlich, dass die Diskussion über freie Termine nicht allein mit dem Hinweis auf angeblich zu geringe Arbeitsbereitschaft von Ärztinnen und Ärzten geführt werden sollte.
Thomas versteht das inzwischen.
Er versteht, dass Ärzte nicht zaubern können. Er versteht, dass Krankenkassen wirtschaftlich handeln müssen. Er versteht sogar, dass die Politik ein komplexes System organisieren muss.
Was Thomas allerdings nicht versteht, ist, warum er als Patient so viel Zeit damit verbringen muss, sich innerhalb dieses Systems zurechtzufinden.
Er hat schließlich keine Ausbildung zum Gesundheitskoordinator gemacht.
Er hat Knieschmerzen.
Digitalisierung. Jetzt kann Thomas auch online warten.
Natürlich hat unser Gesundheitssystem längst erkannt, dass Digitalisierung eine wunderbare Sache ist.
Deshalb gibt es inzwischen Online-Terminportale, Apps, elektronische Patientenakten, Videosprechstunden und verschiedene digitale Angebote.
Vieles davon ist sinnvoll.
Thomas findet es beispielsweise durchaus praktisch, dass er Termine online suchen kann, statt ständig in Warteschleifen zu hängen.
Nur entdeckt er dabei eine interessante technische Besonderheit.
Wenn keine Termine vorhanden sind, kann auch die modernste App keine anzeigen.
Früher musste Thomas bei einer Praxis anrufen, um zu erfahren, dass kein Termin frei ist.
Heute kann er dieselbe Information rund um die Uhr auf seinem Smartphone abrufen.
Sogar sonntags.
Das ist Fortschritt.
Vielleicht bekommen wir irgendwann eine künstliche Intelligenz, die ihm besonders freundlich erklärt:
„Hallo Thomas! Ich habe Ihre Terminsuche analysiert. Leider ist weiterhin kein Termin verfügbar. Möchten Sie stattdessen eine Atemübung ausprobieren?“
Thomas würde vermutlich antworten:
„Nein. Aber wenn du mir einen Orthopäden besorgst, der mein Knie untersucht, können wir gerne über deine künstliche Intelligenz sprechen.“
Digitalisierung kann Prozesse vereinfachen, Informationen besser verfügbar machen und Beschäftigte entlasten.
Aber sie ersetzt keine ausreichenden Behandlungskapazitäten.
Ein digitalisiertes Wartezimmer bleibt eben ein Wartezimmer. Nur mit WLAN.
Irgendwann hört der Spaß auf.
Thomas hat seinen Termin inzwischen bekommen.
Die Schmerzen sind noch da. Und inzwischen macht er sich zunehmend Gedanken darüber, ob hinter seinen Beschwerden vielleicht doch etwas steckt, das früher hätte untersucht werden sollen.
Vielleicht ist es nichts Ernstes.
Vielleicht hätte eine einfache Behandlung geholfen.
Vielleicht hätte man ihm auch sagen können, dass er sich keine Sorgen machen muss.
Aber genau das weiß Thomas noch nicht.
Und darin liegt für mich das eigentliche Problem.
Wir können über Warteschleifen, Terminportale und die Absurditäten unseres Gesundheitswesens lachen. Manchmal bleibt einem auch kaum etwas anderes übrig.
Aber hinter jeder Terminsuche steht ein Mensch.
Jemand, der Schmerzen hat. Jemand, der Angst vor einer Diagnose hat. Jemand, der nicht weiß, warum bestimmte Beschwerden auftreten. Oder jemand, der eine notwendige Kontrolluntersuchung benötigt.
Nicht jede Beschwerde muss sofort fachärztlich untersucht werden. Medizinische Dringlichkeit muss berücksichtigt werden, und eine gute hausärztliche Versorgung kann vieles bereits abklären oder behandeln.
Aber Menschen sollten nicht das Gefühl bekommen, sie müssten ihre Beschwerden selbst nach Dringlichkeit sortieren und anschließend herausfinden, welches organisatorische Verfahren ihnen den schnellsten Zugang zur Versorgung ermöglicht.
Thomas ist kein Mediziner.
Er kann nicht beurteilen, ob sechs Wochen Wartezeit für seine Beschwerden unproblematisch sind.
Genau deshalb hat er einen Arzt aufgesucht.
Und genau deshalb sollte es einen verlässlichen Weg geben, medizinisch notwendige Untersuchungen rechtzeitig zu ermöglichen.
Denn ein Gesundheitssystem sollte nicht erst dann besonders gut funktionieren, wenn der Patient bereits so krank ist, dass niemand mehr über die Dringlichkeit diskutiert.
Meine Zwischenfrage
Deutschland verfügt über ein leistungsfähiges, aber auch sehr kostenintensives Gesundheitssystem. Wir haben moderne Technik, hoch qualifizierte Fachkräfte und Behandlungsmöglichkeiten, die noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wären.
Und trotzdem kann die Suche nach einem Facharzttermin für manche Menschen zu einer kleinen Odyssee werden.
Patientinnen und Patienten sollen selbst Termine organisieren, medizinische Dringlichkeit einschätzen und sich durch unterschiedliche Vermittlungsangebote arbeiten.
Ärztinnen und Ärzte sollen gleichzeitig behandeln, dokumentieren, wirtschaftlich planen und mit einem Abrechnungssystem zurechtkommen, bei dem die endgültige Vergütung teilweise erst Monate nach der Behandlung feststeht.
Die Krankenkassen müssen ihre Ausgaben im Blick behalten. Die Politik versucht, mit Reformen und neuen Steuerungsmodellen gegenzusteuern.
Und irgendwo dazwischen sitzt Thomas.
Mit seinem Knie.
Seit wann gehört es eigentlich zur Eigenverantwortung von Patienten, nicht nur ihre Beschwerden auszuhalten, sondern auch noch die Organisation ihrer medizinischen Versorgung selbst zu übernehmen?
Und warum schaffen wir es, hochkomplexe medizinische Geräte zu entwickeln, aber tun uns teilweise so schwer damit, Menschen zuverlässig und zeitnah zu einem passenden Arzttermin zu führen?
Vielleicht brauchen wir nicht einfach nur mehr Digitalisierung, mehr Formulare oder neue Zuständigkeiten.
Vielleicht brauchen wir vor allem ein System, das seine Abläufe stärker an den Menschen ausrichtet, für die es eigentlich geschaffen wurde.
Thomas sitzt inzwischen im Wartezimmer seines Orthopäden.
Er hat es geschafft.
Nach zahlreichen Telefonaten, Online-Suchen und einem kleinen Ausflug in die Welt der medizinischen Terminvermittlung ist er endlich dort angekommen, wo er eigentlich von Anfang an hinwollte.
Eine medizinische Fachangestellte öffnet die Tür.
„Herr Thomas?“
Er steht auf.
„Der Arzt hat heute leider etwas Verspätung.“
Thomas lächelt.
„Kein Problem. Auf die paar Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an.“
Quellen und weiterführende Informationen
Hinweis: Thomas und sein Nachbar Peter sind vollständig fiktive Personen. Ihre Erlebnisse und Dialoge dienen der satirischen Darstellung möglicher Schwierigkeiten im deutschen Gesundheitssystem. Die statistischen, medizinischen und rechtlichen Aussagen sind von der fiktiven Handlung zu unterscheiden.
Medizinischer Hinweis: Bei plötzlich auftretendem Sehverlust, schweren Sehstörungen oder anderen möglichen Schlaganfallzeichen nicht auf einen regulären Facharzttermin warten. Bei Schlaganfallverdacht sofort 112 wählen.