Entschuldigung, dass ich störe. Ich existiere nur kurz.
Warum wir uns für unsere Anwesenheit entschuldigen, während andere durchs Leben marschieren, als hätten sie den Planeten persönlich gemietet.
Entschuldigung.
Ich hoffe, ich störe gerade nicht.
Ich wollte eigentlich nur einen Artikel schreiben. Nichts Großes. Nur ein paar Gedanken. Falls du gerade beschäftigt bist, lies ruhig später weiter. Oder gar nicht. Ich möchte dir wirklich keine Umstände machen.
Entschuldigung, dass ich überhaupt angefangen habe.
Kommt dir das bekannt vor?
Es gibt Menschen, die entschuldigen sich für nahezu alles. Für eine Frage. Für einen Anruf. Für ihre Meinung. Für eine verspätete Antwort. Manchmal sogar dafür, dass jemand anderes ihnen auf den Fuß tritt.
Und dann gibt es Menschen, die betreten einen Raum, als hätten sie ihn persönlich erfunden.
Die stellen ihren Einkaufswagen quer in den Gang, telefonieren auf Lautsprecher, erwarten sofortige Antworten und sind ernsthaft überrascht, wenn andere ebenfalls Bedürfnisse haben.
Beide Menschentypen leben auf demselben Planeten.
Der eine sagt: „Entschuldigung, dürfte ich mal kurz vorbei?“
Der andere denkt: „Warum läuft hier überhaupt jemand herum?“
Willkommen in einer Gesellschaft, in der die einen ständig Platz machen und die anderen sich wundern, warum plötzlich so viel Platz ist.
Entschuldigung, dürfte ich in diesem Supermarkt auch einkaufen?
Beginnen wir mit einem ganz normalen Samstag.
Du stehst im Supermarkt. Vor dir ein Einkaufswagen. Quer. Mitten im Gang.
Daneben ein Mensch, der offenbar gerade seine Doktorarbeit über die unterschiedlichen Eigenschaften italienischer Nudelsorten schreibt.
Er betrachtet die Packung.
Dreht sie um.
Vergleicht die Zutaten.
Überlegt.
Legt sie zurück.
Nimmt eine andere.
Vermutlich wird gleich noch ein unabhängiges Gutachten eingeholt.
Du möchtest vorbei.
Links stehen die Konserven, rechts die Tiefkühltruhen und in der Mitte tagt der internationale Nudelkongress.
Also sagst du freundlich:
„Entschuldigung, dürfte ich mal kurz durch?“
Der Mensch schaut auf. Nicht etwa erschrocken darüber, dass er den gesamten Gang blockiert.
Nein.
Eher so, als hättest du ihn gerade während einer Herzoperation gefragt, ob er dir die Uhrzeit sagen könnte.
Langsam bewegt er seinen Einkaufswagen ungefähr sieben Zentimeter zur Seite.
Du quetschst dich vorbei.
„Danke schön!“
Und weil du gut erzogen bist, folgt vielleicht noch ein:
„Entschuldigung.“
Moment.
Wofür eigentlich?
Dafür, dass du Lebensmittel kaufen möchtest?
Dafür, dass du ebenfalls ein Existenzrecht zwischen Dosentomaten und Spaghetti beanspruchst?
Oder dafür, dass du dich nicht rechtzeitig in Luft aufgelöst hast?
Der eine blockiert den gesamten Gang. Der andere entschuldigt sich dafür, dass er ihn benutzen möchte.
Wenn das keine gelungene gesellschaftliche Arbeitsteilung ist.

Ich existiere. Aber wirklich nur ganz kurz.
Manche Menschen haben eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt: Sie machen sich möglichst klein, obwohl sie eigentlich gar keinen Grund dazu haben.
Sie setzen sich im Wartezimmer auf die äußerste Stuhlkante, damit bloß niemand zu wenig Platz hat.
Sie lassen an der Kasse drei andere vor, obwohl sie selbst nur zwei Artikel kaufen möchten.
Sie sagen im Restaurant: „Ach, das ist schon in Ordnung“, obwohl das bestellte Essen inzwischen ungefähr dieselbe Temperatur hat wie die Ostsee im Februar.
Und wenn der Kellner fragt, ob alles geschmeckt hat?
„Ja, wunderbar!“
Natürlich.
Die Pommes waren zwar kalt, das Steak hatte die Konsistenz eines Winterreifens und das Getränk wurde vermutlich noch aus der letzten Eiszeit serviert.
Aber man möchte ja niemandem den Tag verderben.
Vielleicht hatte der Koch einen schlechten Morgen.
Vielleicht ist die Bedienung gestresst.
Vielleicht sollte man einfach dankbar sein, dass überhaupt etwas auf dem Teller liegt.
Und während dieser Mensch noch darüber nachdenkt, ob er sich für die Reklamation entschuldigen müsste, sitzt am Nebentisch jemand, der gerade lautstark erklärt, dass die Petersilie auf seinem Teller in einem völlig inakzeptablen Winkel liegt.
Zwei Menschen.
Ein Restaurant.
Vollkommen unterschiedliche Vorstellungen davon, wie viel Platz die eigenen Bedürfnisse einnehmen dürfen.
Eine kleine Frage. Ich verspreche, danach verschwinde ich wieder.
Im Berufsleben erreicht diese besondere Form der Höflichkeit gelegentlich olympisches Niveau.
„Hallo, entschuldige bitte.“
„Ich hoffe, ich störe nicht.“
„Hättest du eventuell ganz kurz Zeit?“
„Ist auch wirklich nichts Dringendes.“
„Wenn es gerade nicht passt, komme ich selbstverständlich später wieder.“
Nach zwei Minuten diplomatischer Vorverhandlungen folgt die eigentliche Frage:
„Weißt du, wo die Unterlagen liegen?“
„Im Ordner Projekte.“
Drei Sekunden.
Zwei Minuten Vorbereitung für eine Antwort, die kürzer dauert als das Öffnen einer schlecht programmierten Excel-Datei.
Währenddessen kommt ein anderer Kollege herein.
Ohne anzuklopfen.
Ohne Begrüßung.
Ohne erkennbare Sorge, irgendjemanden zu stören.
„Ich brauch mal eben was.“
Dann erklärt er zwölf Minuten lang sein Problem, unterbricht dich dreimal und verlässt den Raum mit den Worten:
„Machst du dann, ja?“
Beeindruckend.
Der eine bittet um drei Sekunden Aufmerksamkeit, als beantrage er eine Audienz beim Bundespräsidenten.
Der andere verteilt Aufgaben, als gehöre ihm das Gebäude.
Und wenn später jemand Überstunden macht, dürfen wir dreimal raten, wer das wahrscheinlich sein wird.
Entschuldigung, dass ich eine eigene Meinung habe.
Besonders interessant wird es, wenn wir nicht nur etwas fragen, sondern tatsächlich eine Meinung vertreten möchten.
„Entschuldigung, aber ich sehe das vielleicht ein bisschen anders.“
Ein bemerkenswerter Satz.
Noch bevor wir überhaupt gesagt haben, was wir denken, entschuldigen wir uns vorsichtshalber dafür.
Als wäre eine abweichende Ansicht eine kleine Sachbeschädigung.
Natürlich muss man anderen zuhören. Man sollte unterschiedliche Ansichten respektieren und nicht jeden Widerspruch persönlich nehmen.
Aber warum haben manche Menschen das Gefühl, ihre Meinung nur mit einer vorherigen Entschuldigung äußern zu dürfen?
Andere brauchen dafür nicht einmal ein vollständiges Argument.
„Also, ich sag dir jetzt mal, wie das ist!“
Und dann sagen sie es.
Ausführlich.
Ungefragt.
Mit einer Überzeugung, die normalerweise nur Menschen besitzen, die entweder sehr viel wissen oder erschreckend wenig Zweifel haben.
Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.
Man darf seine Meinung sagen, ohne sie anderen aufzuzwingen.
Und man darf widersprechen, ohne sich vorher schriftlich für die entstandenen Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.
Eigentlich eine ziemlich vernünftige Regel.
Man müsste sie nur gelegentlich anwenden.
„Sorry, dass ich erst jetzt antworte.“ Nach ganzen 43 Minuten.
Auch unsere Smartphones haben interessante gesellschaftliche Regeln hervorgebracht.
Jemand schreibt eine Nachricht.
Du liest sie.
Dann passiert etwas völlig Ungewöhnliches.
Du machst etwas anderes.
Vielleicht kochst du.
Vielleicht arbeitest du.
Vielleicht sitzt du einfach auf dem Sofa und starrst aus dem Fenster.
Ja, auch das ist erlaubt. Es gibt meines Wissens noch keine gesetzliche Verpflichtung zur permanenten Unterhaltung.
Nach 43 Minuten antwortest du:
„Sorry, dass ich erst jetzt schreibe.“
Dreiundvierzig Minuten!
Wie konnte es so weit kommen?
Hat der andere inzwischen die Polizei verständigt?
Eine Vermisstenanzeige aufgegeben?
Oder bereits eine kleine Gedenkfeier organisiert?
Wahrscheinlich nicht.

Trotzdem entschuldigen wir uns.
Denn wir haben uns daran gewöhnt, dass Erreichbarkeit beinahe mit Verfügbarkeit gleichgesetzt wird.
Besonders schön ist der Satz:
„Du warst doch online!“
Ja.
War ich.
Vielleicht habe ich nach dem Wetter geschaut.
Vielleicht wollte ich wissen, wie spät es ist.
Vielleicht habe ich einfach nur mein Handy entsperrt und anschließend vergessen, was ich eigentlich wollte.
Das passiert in meinem Alter durchaus gelegentlich.
Aber offenbar gilt inzwischen:
Wer online ist, befindet sich im Dienst.
Kostenlos.
Rund um die Uhr.
Ohne Urlaubsanspruch.
Und wehe, die Antwortzeiten entsprechen nicht den Erwartungen.
Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, dass eine Nachricht keine gerichtliche Vorladung ist.
Und dass ein Smartphone auch dann funktioniert, wenn man es gelegentlich ignoriert.
Der Mensch, der niemals Nein sagt. Bis er plötzlich doch Nein sagt.
Es gibt Menschen, die helfen immer.
Wirklich immer.
Sie springen ein, übernehmen Aufgaben, kümmern sich um Probleme und finden Lösungen, wenn andere längst aufgegeben haben.
Das ist großartig.
Zumindest für alle anderen.
Denn irgendwann passiert etwas Merkwürdiges.
Aus freiwilliger Hilfe wird eine Selbstverständlichkeit.
„Frag doch mal ihn.“
„Sie macht das doch immer.“
„Du kannst das viel besser.“
„Bei dir geht das schneller.“
Das klingt nach Anerkennung.
Ist manchmal auch welche.
Gelegentlich ist es allerdings einfach eine besonders elegante Methode, Arbeit loszuwerden.
Und dann kommt dieser eine Tag.
Der hilfsbereite Mensch sagt:
„Nein, heute schaffe ich das nicht.“
Stille.
Ungläubige Blicke.
Betretenes Schweigen.
Hat er gerade wirklich Nein gesagt?
Einfach so?
Ohne ärztliches Attest?
Ohne schriftliche Begründung?
Ohne vorherige Genehmigung durch die Abteilung für gegenseitige Gefälligkeiten?
„Was ist denn mit dir los?“
„Früher warst du aber hilfsbereiter.“
„Du hast doch sonst immer geholfen.“
Ja.
Hat er.
Und vielleicht wäre genau das der richtige Moment, sich einmal dafür zu bedanken.
Statt beleidigt zu sein, weil jemand plötzlich entdeckt hat, dass er ebenfalls ein eigenes Leben besitzt.

Manche Menschen brauchen keinen Platz. Sie brauchen einen eigenen Kontinent.
Es wäre allerdings unfair, ausschließlich über diejenigen zu sprechen, die sich ständig entschuldigen.
Denn es gibt auch das genaue Gegenteil.
Menschen, die grundsätzlich davon ausgehen, dass ihre Bedürfnisse eine höhere Priorität besitzen.
Der Nachbar, der sich über jedes Geräusch beschwert, aber selbst am Sonntagmorgen seine Bohrmaschine ausprobiert.
Der Autofahrer, der über rücksichtslose Verkehrsteilnehmer schimpft, während er in zweiter Reihe parkt.
Der Mensch, der bei Gesprächen nicht unterbrochen werden möchte, aber anderen regelmäßig mitten ins Wort fällt.
Und natürlich der Klassiker:
„Ich sage ja immer ganz offen meine Meinung.“
Was gelegentlich bedeutet:
Ich erkläre dir ungefragt, was ich von dir halte.
Wenn du dasselbe machst, bist du allerdings respektlos.
Es ist faszinierend, wie unterschiedlich Menschen Rücksichtnahme definieren.
Manche verstehen darunter, dass alle aufeinander achten.
Andere verstehen darunter, dass alle auf sie achten.
Eine kleine sprachliche Feinheit.
Mit erstaunlich großen Auswirkungen.
Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich daran denken, dass die Erde zwar rund ist, sich aber trotzdem nicht um uns dreht.
Auch wenn manche Menschen offenbar noch auf eine entsprechende wissenschaftliche Bestätigung warten.
Vielleicht sind wir selbst manchmal das Problem. Entschuldigung für diese Unterstellung.
Bevor wir uns jetzt gemütlich zurücklehnen und feststellen, wie furchtbar rücksichtslos die anderen Menschen doch sind, kommt leider noch ein unangenehmer Gedanke.
Vielleicht gehören wir gelegentlich selbst dazu.
Vielleicht stehen wir manchmal mit unserem Einkaufswagen quer im Gang.
Vielleicht hören wir nicht richtig zu, weil wir gedanklich schon bei unserer nächsten Antwort sind.
Vielleicht erwarten wir eine schnelle Reaktion auf unsere Nachricht, obwohl wir selbst gerade keine Lust haben, zu antworten.
Und vielleicht haben wir auch schon einmal die Hilfsbereitschaft eines anderen Menschen für selbstverständlich gehalten.
Ich jedenfalls kann nicht behaupten, dass ich immer alles richtig mache.
Manchmal bin ich ungeduldig.
Manchmal habe ich wenig Verständnis.
Und manchmal fällt mir erst hinterher auf, dass ich mich auch etwas rücksichtsvoller hätte verhalten können.
Ärgerlich.
Eigentlich wollte ich diesen Artikel ausschließlich über die Fehler anderer Menschen schreiben.
Das wäre deutlich angenehmer gewesen.
Aber leider funktioniert gegenseitiger Respekt nicht nach dem Prinzip:
Ich bekomme ihn.
Die anderen müssen ihn sich verdienen.
Wir müssen nicht alle rücksichtsloser werden. Nur ein bisschen weniger unsichtbar.
Es wäre jetzt natürlich einfach, aus diesem Artikel einen Ratgeber zu machen.
Mit sieben Tipps für mehr Selbstbewusstsein.
Fünf Übungen zum Neinsagen.
Und einem kostenlosen Persönlichkeitstest, bei dem man nach zwölf Fragen erfährt, dass man dringend ein kostenpflichtiges Coaching benötigt.
Keine Sorge.
Das erspare ich uns.
Denn ich glaube nicht, dass wir eine Gesellschaft brauchen, in der plötzlich jeder noch lauter wird, noch mehr fordert und noch weniger Rücksicht nimmt.
Davon haben wir vermutlich schon genug.
Vielleicht brauchen wir eher ein vernünftiges Gleichgewicht.
Menschen, die sich trauen, etwas zu sagen.
Und Menschen, die bereit sind, zuzuhören.
Menschen, die Hilfe anbieten.
Und Menschen, die verstehen, dass Hilfe keine Selbstverständlichkeit ist.
Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse ernst nehmen.
Ohne dabei die Bedürfnisse anderer grundsätzlich für nebensächlich zu halten.
Das klingt weder besonders revolutionär noch spektakulär.
Es ist auch keine bahnbrechende neue Gesellschaftstheorie.
Eigentlich nennt man so etwas schlicht gegenseitige Rücksichtnahme.
Ein Konzept, das erstaunlicherweise ganz ohne App, Registrierung und monatliches Abonnement funktioniert.
Noch.
Meine Zwischenfrage: Warum entschuldigen wir uns eigentlich dafür, dass wir auch da sind?
Vielleicht sollten wir unsere Entschuldigungen wieder für die Dinge aufheben, bei denen wir tatsächlich etwas falsch gemacht haben.
Wenn wir jemanden verletzt haben.
Wenn wir unfair waren.
Wenn wir einen Fehler gemacht haben.
Dann ist ein ehrliches „Es tut mir leid“ wichtig.
Aber wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, dass wir eine Frage stellen.
Dass wir Hilfe brauchen.
Dass wir eine andere Meinung haben.
Oder dass wir einfach nur an einem Einkaufswagen vorbeimöchten.
Und vielleicht sollten diejenigen, die sich besonders selbstverständlich ihren Platz nehmen, gelegentlich daran denken, dass andere Menschen ebenfalls existieren.
Mit eigenen Wünschen.
Eigenen Problemen.
Eigenen Grenzen.
Und manchmal sogar mit dem völlig absurden Bedürfnis, im Supermarkt an die Nudeln zu kommen.
Meine Zwischenfrage lautet deshalb: Warum haben ausgerechnet die Menschen, die am meisten Rücksicht nehmen, so oft das Gefühl, anderen zur Last zu fallen – während diejenigen, die am meisten Rücksicht erwarten, manchmal selbst am wenigsten davon zeigen?
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns gegenseitig etwas mehr Platz lassen würden.
Ohne ständig zurückzuweichen.
Ohne uns gegenseitig zu überrollen.
Und ohne uns für unsere bloße Anwesenheit zu entschuldigen.
So.
Das wollte ich einfach mal loswerden.
Ich hoffe, ich habe dich damit nicht gestört.
Wobei ...
Nein.
Eigentlich hoffe ich sogar, dass ich dich ein bisschen gestört habe.
Zumindest beim Nachdenken.
Und dafür entschuldige ich mich ausnahmsweise nicht.