Gesunder Menschenverstand – leider nicht mehr lieferbar.
Früher hat man Probleme gelöst. Heute gründet man dafür eine Arbeitsgruppe, entwickelt ein Konzept und stellt anschließend fest, dass niemand mehr weiß, worum es eigentlich ging.
Es muss irgendwann etwas passiert sein. Vielleicht an einem Dienstag. Irgendwo zwischen der Einführung der digitalen Warteschlange und der Erfindung des Kühlschranks mit WLAN.
Der gesunde Menschenverstand hat offenbar seine Kündigung eingereicht.
Fristlos. Ohne Übergabe. Ohne Nachfolger.
Und seitdem versucht die Menschheit verzweifelt, seinen Weggang durch Prozesse, Richtlinien, Workshops und PowerPoint-Präsentationen zu kompensieren.
Mit überschaubarem Erfolg.
Früher hieß es: Mach doch einfach!
Stellen wir uns eine völlig verrückte Situation vor.
In einem Büro ist die Glühbirne kaputt.
Früher hätte jemand eine neue Glühbirne geholt, sie eingeschraubt und anschließend weitergearbeitet.
Heute beginnt damit ein Projekt.
Zunächst muss eine Störungsmeldung im internen Ticketsystem erstellt werden. Anschließend prüft das Facility Management, ob die Beleuchtung überhaupt in seinen Zuständigkeitsbereich fällt.
Die IT wird vorsorglich informiert. Schließlich könnte es sich um eine smarte Glühbirne handeln.
Der Datenschutzbeauftragte möchte wissen, ob das Licht personenbezogene Daten verarbeitet.
Die Arbeitssicherheit fordert eine Gefährdungsbeurteilung.
Und die Geschäftsführung bittet um eine kurze Präsentation zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Dunkelheit.
Drei Wochen später findet ein Kick-off-Meeting statt.
Thema: „Strategische Neuausrichtung der standortbezogenen Beleuchtungssituation“.
Die Glühbirne ist inzwischen immer noch kaputt.
Aber immerhin gibt es jetzt einen Projektleiter.

Wir haben für alles eine Lösung. Außer für das Problem.
Besonders faszinierend ist die menschliche Fähigkeit, einfache Dinge so lange zu verkomplizieren, bis sie niemand mehr versteht.
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Das Kontaktformular benötigt allerdings eine Vorgangsnummer, die du ausschließlich nach erfolgreicher Terminbuchung erhältst.
Herzlichen Glückwunsch.
Du bist jetzt offiziell Teil eines perfekt optimierten Prozesses.
Du hast zwar keinen Arzttermin, aber dafür eine völlig neue Vorstellung davon, wie sich ein Hamster im Laufrad fühlen muss.
Und irgendwo sitzt jemand in einer Abteilung für Prozessoptimierung und freut sich über die erfolgreiche Digitalisierung.
Oben denkt man. Unten wundert man sich.
Besonders beeindruckende Exemplare des verschwundenen Menschenverstands findet man in Unternehmen.
Dort existiert häufig ein interessantes Naturgesetz:
Je weiter jemand von der eigentlichen Arbeit entfernt ist, desto genauer weiß er, wie sie erledigt werden muss.
Da werden Prozesse entwickelt, die auf dem Papier hervorragend aussehen.
Bunte Kästchen. Pfeile. Diagramme.
Ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk.
Leider mit einem winzigen Schönheitsfehler:
Es funktioniert nicht.
Die Beschäftigten, die täglich mit dem Prozess arbeiten müssen, erkennen das meistens innerhalb der ersten fünf Minuten.
Aber wen interessiert schon die praktische Erfahrung von Menschen, die sich tatsächlich mit der Materie auskennen?
Schließlich wurde das Konzept von einer Arbeitsgruppe entwickelt.
Mit externer Beratung.
Für sehr viel Geld.
Und vermutlich während eines zweitägigen Strategieworkshops in einem Wellnesshotel.
Wenn dann jemand aus der Praxis vorsichtig fragt, ob man nicht einfach die bisherige funktionierende Lösung beibehalten könnte, wird es still.
Sehr still.
Dann fällt einer dieser wunderbaren Sätze:
„Wir müssen die Mitarbeitenden auf dieser Transformationsreise mitnehmen.“
Wohin eigentlich?
Niemand weiß es.
Aber Hauptsache, alle sitzen im Bus.
Die Toga-Party der guten Ideen
Manchmal frage ich mich ernsthaft, wie bestimmte Entscheidungen zustande kommen.
Da muss es doch irgendwo einen geheimen Ort geben.
Einen Raum, in dem Menschen zusammenkommen, die seit Jahren keinen Kontakt mehr zur Realität hatten.
Vielleicht tragen sie Togas.
Vielleicht trinken sie aus goldenen Bechern.
Vielleicht steht in der Mitte des Raumes ein Flipchart mit der Aufschrift „Innovation“.
Und irgendwann, gegen drei Uhr morgens, ruft jemand:
„Ich hab's! Wir machen alles komplizierter!“
Tosender Applaus.
Ein anderer springt auf:
„Und wir nennen es Vereinfachung!“
Ekstase.
Der Dritte ergänzt:
„Und wer Fragen stellt, hat die Vision nicht verstanden!“
Spätestens jetzt wird das Budget freigegeben.
Am nächsten Morgen entsteht daraus eine neue Unternehmensstrategie.
Natürlich mit einem englischen Namen.
Project Simplify Excellence 2030.

Die Beschäftigten bekommen anschließend eine E-Mail mit dem Betreff:
„Gemeinsam gestalten wir die Zukunft.“
Und wissen sofort:
Das wird teuer. Und anstrengend.
Digitalisierung: Warum einfach, wenn es auch mit Passwort geht?
Versteht mich nicht falsch.
Digitalisierung ist großartig.
Ich möchte nicht zurück in eine Zeit, in der man für jede Überweisung persönlich zur Bank musste und die einzige Cloud am Himmel hing.
Aber manchmal habe ich den Eindruck, wir digitalisieren inzwischen Dinge, die überhaupt kein Problem hatten.
Da braucht man eine App, um die Waschmaschine zu starten.
Eine zweite App, um die Heizung einzustellen.
Eine dritte App, um das Auto vorzuheizen.
Und für die Kaffeemaschine muss man sich zunächst registrieren, die E-Mail-Adresse bestätigen und den Nutzungsbedingungen zustimmen.
Ich möchte Kaffee.
Keinen digitalen Ehevertrag mit einem Haushaltsgerät.
Besonders schön wird es, wenn ein Gerät ein Softwareupdate benötigt.
Früher war ein Toaster kaputt, wenn er kein Brot mehr toastete.
Heute könnte er theoretisch noch funktionieren.
Aber leider ist die Serververbindung unterbrochen.
Oder die App unterstützt das Betriebssystem nicht mehr.
Vielleicht hat der Toaster auch einfach beschlossen, dass er nach sieben Jahren keinen Support mehr bekommt.
Immerhin bleibt uns die Gewissheit, dass wir in einer hochmodernen Welt leben.
In der wir gelegentlich das Internet brauchen, um warmes Brot zu bekommen.

Der gesunde Menschenverstand braucht keine Unternehmensberatung
Dabei wäre die Lösung manchmal erschreckend einfach.
Man könnte Menschen fragen, die sich mit einer Sache auskennen.
Man könnte zuhören.
Man könnte ausprobieren, ob eine Idee tatsächlich funktioniert, bevor man sie flächendeckend einführt.
Und wenn etwas offensichtlich Unsinn ist, könnte man sogar den Mut besitzen, es Unsinn zu nennen.
Ich weiß.
Revolutionäre Gedanken.
Vermutlich muss dafür erst eine Machbarkeitsstudie erstellt werden.
Aber vielleicht liegt genau hier unser Problem.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass kompliziert automatisch professionell wirkt.
Dass lange Präsentationen Kompetenz beweisen.
Dass Entscheidungen besser werden, wenn möglichst viele Menschen daran beteiligt sind, die von der eigentlichen Sache möglichst wenig verstehen.
Dabei braucht nicht jedes Problem eine Strategie.
Manchmal reicht ein Schraubenzieher.
Oder ein Telefonat.
Oder jemand, der einfach sagt:
„Leute, das ist doch völliger Blödsinn.“
Zwischenfrage: Wann haben wir eigentlich aufgehört, selbst zu denken?
Mal ganz im Ernst: Wann haben wir beschlossen, dass eine Entscheidung erst dann gut ist, wenn mindestens fünf Menschen darüber beraten, drei Abteilungen zugestimmt und zwei externe Berater eine Rechnung geschrieben haben?
Wann wurde aus „Das ist doch offensichtlich Unsinn“ plötzlich „Wir müssen die strategischen Rahmenbedingungen noch einmal evaluieren“?
Und vor allem: Wenn alle wissen, dass etwas nicht funktioniert, warum machen wir dann trotzdem weiter?
Vielleicht, weil es inzwischen einfacher ist, einen schlechten Prozess zu befolgen, als einen guten Vorschlag zu machen.
Denn wer einen Fehler erkennt, könnte ja auf die Idee kommen, Verantwortung zu übernehmen.
Und Verantwortung?
Die steht leider nicht in der Stellenbeschreibung.
Und jetzt?
Vielleicht sollten wir anfangen, den gesunden Menschenverstand wieder einzustellen.
Nicht als Chief Common Sense Officer.
Nicht als Stabsstelle für pragmatische Entscheidungsfindung.
Und bitte auch nicht als neues Kompetenzzentrum mit eigenem Leitbild.
Sondern einfach als das, was er einmal war:
Die Fähigkeit, Dinge zu hinterfragen, logisch zu denken und nicht jeden offensichtlichen Unsinn mitzumachen, nur weil jemand ein schickes Diagramm dazu erstellt hat.
Natürlich wird das schwierig.
Denn gesunder Menschenverstand hat eine unangenehme Eigenschaft:
Er stellt Fragen.
Und zwar meistens genau die, auf die niemand eine vernünftige Antwort hat.
Vielleicht ist er deshalb auch nicht mehr lieferbar.
Nicht, weil wir zu wenig davon hätten.
Sondern weil wir ihn irgendwann aus Kostengründen abgeschafft haben.
Und sollte er tatsächlich eines Tages zurückkehren, wird er vermutlich zunächst einen Antrag stellen müssen.
In dreifacher Ausfertigung.
Mit digitaler Signatur.
Bearbeitungszeit: sechs bis acht Wochen.
Bis dahin bleibt die Glühbirne eben kaputt.
Aber keine Sorge.
Das Projekt zur Verbesserung der Beleuchtungssituation läuft bereits.
Und laut aktueller PowerPoint sind wir voll im Zeitplan.