Inflation: Alles wird teurer. Nur unser Geld nicht mehr wert.
Warum die Preise steigen, die Inflation manchmal sogar erwünscht ist und wir uns inzwischen über Sonderangebote freuen, bei denen wir früher den regulären Preis für eine Frechheit gehalten hätten.
3,3 Prozent Inflation. Herzlichen Glückwunsch, Deutschland!
Es gibt Nachrichten, die muss man erst einmal verdauen. Zum Beispiel diese: Die Inflationsrate in Deutschland lag im September 2026 bei 3,3 Prozent. Noch im Juli waren es 2,8 Prozent, im August 2,9 Prozent. Und jetzt sind wir wieder deutlich über der Drei-Prozent-Marke.
Besonders die Energiepreise haben dazu beigetragen. Sie lagen im September 14,9 Prozent über dem Vorjahresniveau. Kraftstoffe verteuerten sich um 37,1 Prozent, Heizöl sogar um 74,9 Prozent.
Wobei „verteuerten sich“ eigentlich ein bemerkenswert höflicher Ausdruck dafür ist, dass man beim Tanken inzwischen gelegentlich überlegt, ob man das Auto nicht einfach stehen lässt und stattdessen ein Pferd anschafft. Wobei auch das Pferd vermutlich irgendwann nach einer Gehaltserhöhung verlangen würde. Heu wird schließlich ebenfalls nicht verschenkt.
Immerhin gab es auch gute Nachrichten: Butter war im Vergleich zum September 2025 durchschnittlich 29,5 Prozent günstiger.
Man könnte also sagen: Wer sein Auto nicht mehr volltanken kann, darf sich wenigstens ein Butterbrot schmieren.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Verbraucherpreise September 2026, veröffentlicht am 13. Oktober 2026.
Das eigentlich Interessante ist allerdings nicht nur die aktuelle Inflationsrate. Es ist die Entwicklung der vergangenen Jahre. Denn während wir regelmäßig hören, dass die Inflation wieder sinkt, stellen viele Menschen beim Einkaufen fest, dass die Preise offenbar nicht dieselben Nachrichten verfolgen.
Und genau da beginnt das Missverständnis.
Die Inflation sinkt. Warum wird dann nichts billiger?
Inflation beschreibt, wie stark das allgemeine Preisniveau innerhalb eines bestimmten Zeitraums steigt. Wenn die Inflationsrate sinkt, bedeutet das zunächst nur, dass die Preise langsamer steigen.
Nehmen wir einen Warenkorb, der ursprünglich 100 Euro kostet. Im ersten Jahr steigt sein Preis um zehn Prozent auf 110 Euro. Im nächsten Jahr sinkt die Inflationsrate auf zwei Prozent.
Großartige Nachrichten! Die Inflation ist um acht Prozentpunkte zurückgegangen.
Unser Warenkorb kostet jetzt allerdings 112,20 Euro.
Er ist also nicht günstiger geworden. Er ist lediglich langsamer teurer geworden.
Das ist ungefähr so, als würde der Vermieter verkünden: „Gute Nachrichten! Ihre Miete steigt nächstes Jahr nur noch um 20 statt um 70 Euro.“
Man soll sich offenbar bedanken. Vielleicht mit Blumen.
Sinkende Inflation ist natürlich besser als dauerhaft hohe Inflation. Aber die bereits erfolgten Preissteigerungen verschwinden dadurch nicht. Sie bleiben Bestandteil des neuen Preisniveaus.
Und genau deshalb kann eine offiziell rückläufige Inflationsrate für Menschen, die jeden Monat ihre Rechnungen bezahlen müssen, ziemlich wenig nach Entlastung aussehen.
Von 2020 bis heute: Wie unser Geld an Kaufkraft verlor
Wer verstehen möchte, warum sich unser Leben heute teurer anfühlt, muss gar nicht besonders weit zurückgehen.
Im Jahr 2020 lag die durchschnittliche Inflationsrate in Deutschland bei gerade einmal 0,5 Prozent. Ein Jahr später waren es bereits 3,1 Prozent. Dann folgten zwei Jahre, die sich wirtschaftlich durchaus sehen lassen konnten – allerdings nicht im positiven Sinne.
2022 betrug die Inflationsrate 6,9 Prozent, 2023 noch einmal 5,9 Prozent. 2024 und 2025 beruhigte sich die Entwicklung mit jeweils 2,2 Prozent deutlich. Doch die zuvor gestiegenen Preise blieben.
Nach dem Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes lag das allgemeine Preisniveau im September 2026 rund 26,6 Prozent über dem durchschnittlichen Niveau von 2020.
Was bedeutet das konkret?
Ein Warenkorb, der im Jahr 2020 durchschnittlich 100 Euro kostete, hätte bei gleicher Zusammensetzung im September 2026 rechnerisch etwa 126,60 Euro gekostet. Aus einem Einkauf für 400 Euro wären rund 506,40 Euro geworden.
Nicht, weil wir plötzlich mehr kaufen. Nicht, weil wir uns ausschließlich von Kaviar ernähren. Sondern weil das allgemeine Preisniveau gestiegen ist.
Noch deutlicher fällt die Entwicklung bei Lebensmitteln und alkoholfreien Getränken aus. Hier lag der entsprechende Preisindex im September 2026 rund 37,2 Prozent über dem Jahresdurchschnitt 2020.
Ein Lebensmitteleinkauf für damals 100 Euro würde damit rechnerisch 137,20 Euro kosten. Bei 400 Euro wären es knapp 549 Euro.
Das sind Modellrechnungen anhand der Preisindizes, keine tatsächlich beobachteten Einkaufszettel. Sie zeigen aber ziemlich anschaulich, wie sich Preissteigerungen über mehrere Jahre summieren.
Quellen: Destatis – Verbraucherpreisindex nach Gütergruppen und GENESIS-Online – Verbraucherpreisindex für Deutschland.
Das Erstaunliche daran: Diese Entwicklung hat sich über mehrere Jahre aufgebaut. Wir haben uns also Stück für Stück daran gewöhnt, für vergleichbare Dinge mehr Geld auszugeben.
Vielleicht ist das der eigentliche Trick der Inflation. Sie nimmt uns nicht an einem einzigen Tag einen großen Teil unserer Kaufkraft weg. Sie erledigt das über Jahre hinweg.
Ganz unauffällig. Fast schon höflich.
Früher war alles billiger. Stimmt das überhaupt?
Irgendwann fällt in jeder Diskussion über Preise dieser Satz: „Früher war das alles viel günstiger!“
Dann folgen Erinnerungen an den Döner für ein paar Mark, das Brötchen für wenige Pfennige und den legendären Einkaufswagen, den man angeblich für 50 Mark bis zum Rand füllen konnte.
Natürlich war früher vieles nominal günstiger. Aber eben nicht alles im Verhältnis zum Einkommen.
Wer im Jahr 2000 einen bestimmten Betrag verdient hat, konnte sich davon nicht automatisch mehr leisten als heute. Die Gehälter waren niedriger, viele Produkte technisch weniger leistungsfähig und manche Dinge deutlich teurer im Verhältnis zur damaligen Kaufkraft.
Trotzdem lohnt sich der Vergleich.
Nach den Daten des Statistischen Bundesamtes lag das allgemeine Preisniveau im Jahr 2025 rund 61 Prozent über dem Niveau von 2000.
Ein Warenkorb, der im Jahr 2000 rechnerisch 100 Euro gekostet hätte, kostete 2025 demnach etwa 161 Euro.
Dabei darf man eines nicht vergessen: Die Einkommen haben sich ebenfalls verändert. Entscheidend ist deshalb nicht nur der Preis, sondern wie lange man dafür arbeiten muss.
Ein Fernseher kann heute beispielsweise erheblich größer und leistungsfähiger sein und trotzdem im Verhältnis zum Einkommen günstiger ausfallen als früher. Bei anderen Ausgaben sieht die Entwicklung weniger erfreulich aus.
Und genau deshalb ist der Satz „Früher war alles billiger“ zwar wunderbar für nostalgische Gespräche, aber wirtschaftlich etwas zu einfach.
Die bessere Frage lautet: Was konnte ich mir früher von meinem Einkommen leisten, und was kann ich mir heute davon leisten?
Denn was bringt es mir, wenn ich heute einen riesigen Fernseher günstiger bekomme, aber die laufenden Lebenshaltungskosten einen immer größeren Teil meines verfügbaren Geldes beanspruchen?
Immerhin kann ich dann auf einem beeindruckend großen Bildschirm anschauen, wie andere Menschen Urlaub machen.
Warum entsteht Inflation eigentlich?
Inflation fällt nicht einfach vom Himmel. Sie hat unterschiedliche Ursachen, die sich teilweise gegenseitig verstärken.
Wenn alle etwas wollen, aber nicht genug vorhanden ist
Stellen wir uns vor, plötzlich möchte jeder ein neues Fahrrad kaufen. Die Hersteller kommen mit der Produktion nicht hinterher. Die Nachfrage ist größer als das Angebot.
Was passiert?
Die Preise können steigen.
Schließlich gibt es genügend Menschen, die bereit sind, mehr zu bezahlen. Wirtschaftswissenschaftler sprechen von Nachfrageinflation.
Das Prinzip ist relativ einfach: Wenn viele Menschen etwas kaufen möchten, das nur begrenzt verfügbar ist, haben Anbieter größeren Spielraum bei der Preisgestaltung.
Oder etwas weniger wissenschaftlich: Solange die Leute Schlange stehen, muss man sich als Verkäufer nicht unbedingt mit Rabatten überschlagen.
Wenn die Herstellung immer teurer wird
Eine andere Ursache sind steigende Produktionskosten.
Wer Lebensmittel herstellt, benötigt Energie, Rohstoffe, Verpackungen, Maschinen, Transport und Mitarbeiter. Werden diese Dinge teurer, steigen häufig auch die Kosten der Herstellung.
Unternehmen versuchen dann, einen Teil dieser Kosten über höhere Verkaufspreise auszugleichen.
Das nennt man Kosteninflation.
Besonders problematisch wird es, wenn Energiepreise stark steigen. Denn Energie wird nahezu überall benötigt. In Fabriken, im Transport, bei der Lagerung und natürlich in privaten Haushalten.
Deshalb kann eine Energiekrise weit mehr verteuern als nur Strom und Heizöl.
Wenn Unternehmen die Gelegenheit nutzen
Jetzt wird es interessant.
Nicht jede Preiserhöhung muss ausschließlich durch höhere Kosten begründet sein. Unternehmen können auch versuchen, ihre Gewinnmargen zu erhöhen, wenn die Marktbedingungen das zulassen.
Steigen die Preise ohnehin überall, fällt eine zusätzliche Erhöhung möglicherweise weniger auf.
Das bedeutet nicht, dass jede Preiserhöhung Abzocke ist. Viele Unternehmen haben tatsächlich mit erheblichen Kostensteigerungen zu kämpfen.
Aber ebenso naiv wäre es, grundsätzlich anzunehmen, dass Unternehmen ihre Preise immer nur exakt um den Betrag erhöhen, um den ihre eigenen Kosten gestiegen sind.
Schließlich steht auf dem Preisschild selten: „Eigentlich hätten 2,49 Euro gereicht, aber wir probieren es heute einmal mit 2,99 Euro.“
Wie stark Unternehmen ihre Preise durchsetzen können, hängt unter anderem vom Wettbewerb, der Nachfrage und der Verfügbarkeit vergleichbarer Produkte ab.
Gerade deshalb sind funktionierender Wettbewerb und transparente Märkte so wichtig.
Was treibt die Inflation zusätzlich an?
Es gibt verschiedene Entwicklungen, die eine Inflation verstärken können.
Eine sehr hohe Nachfrage kann auf ein begrenztes Angebot treffen. Rohstoffe können knapp werden. Energiepreise können steigen. Lieferketten können unterbrochen werden.
Auch Erwartungen spielen eine Rolle. Wenn Unternehmen davon ausgehen, dass ihre Kosten weiter steigen, können sie ihre Preise vorsorglich anpassen. Beschäftigte wiederum fordern höhere Löhne, weil sie die gestiegenen Lebenshaltungskosten ausgleichen möchten.
Unter bestimmten Bedingungen kann daraus eine sich selbst verstärkende Entwicklung entstehen.
Häufig fällt in diesem Zusammenhang der Begriff Lohn-Preis-Spirale.
Allerdings sollte man damit vorsichtig umgehen.
Denn wenn Beschäftigte nach Jahren hoher Inflation mehr Gehalt verlangen, bedeutet das nicht automatisch, dass sie die Inflation verursachen.
Vielleicht versuchen sie schlicht, einen Teil ihrer verlorenen Kaufkraft zurückzubekommen.
Es wäre schließlich eine bemerkenswerte Argumentation, Menschen zunächst mit höheren Preisen zu belasten und ihnen anschließend zu erklären, dass ihre Forderung nach einem Ausgleich das eigentliche Problem sei.
Auch die Geldpolitik kann Inflation beeinflussen. Niedrige Zinsen können Kredite und Investitionen attraktiver machen und dadurch die Nachfrage stärken. Das muss nicht zwangsläufig zu hoher Inflation führen, kann aber bei ausgelasteten Kapazitäten zusätzlichen Preisdruck erzeugen.
Inflation ist also kein einzelner Schalter, den jemand versehentlich eingeschaltet hat.
Sie ist das Ergebnis verschiedener wirtschaftlicher Entwicklungen.
Und genau deshalb gibt es auch nicht die eine Maßnahme, mit der man sie einfach wieder ausschaltet.
Warum zwei Prozent Inflation sogar erwünscht sind
Jetzt kommt der Teil, der zunächst ein wenig absurd klingt.
Die Europäische Zentralbank möchte gar keine dauerhaft stabile Inflationsrate von null Prozent.
Ihr mittelfristiges Inflationsziel liegt bei zwei Prozent.
Mit anderen Worten: Ein gewisser jährlicher Preisanstieg ist ausdrücklich vorgesehen.
Warum?
Weil eine niedrige, berechenbare Inflation als günstige Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität gilt. Unternehmen und Verbraucher können besser planen, wenn Preise sich nicht sprunghaft verändern.
Außerdem schafft ein positives Inflationsziel einen gewissen Abstand zur Deflation.
Deflation bedeutet, dass das allgemeine Preisniveau über längere Zeit sinkt.
Das klingt für Verbraucher zunächst wie ein Traum.
Endlich wird alles günstiger!
Doch eine anhaltende Deflation kann gefährlich werden. Wenn Menschen erwarten, dass Produkte morgen noch günstiger sind, verschieben sie möglicherweise größere Anschaffungen.
Unternehmen verkaufen weniger, investieren zurückhaltender und können gezwungen sein, Kosten zu senken. Im schlimmsten Fall geraten Beschäftigung und Einkommen unter Druck.
Hinzu kommt, dass Schulden bei fallenden Preisen und Einkommen real schwerer zu tragen sein können.
Deshalb gilt eine moderate Inflation wirtschaftlich als weniger problematisch als eine lang anhaltende Deflation.
Quelle: Europäische Zentralbank – Warum ist Preisstabilität wichtig?.
Natürlich muss man dabei unterscheiden: Eine Inflationsrate von zwei Prozent bedeutet nicht automatisch, dass es allen Menschen wirtschaftlich gut geht.
Es bedeutet zunächst nur, dass die Preisentwicklung ungefähr dem Ziel der EZB entspricht.
Ob die Einkommen mithalten, ist eine andere Frage.
Und genau diese Frage interessiert die Menschen an der Supermarktkasse vermutlich deutlich mehr.
Wie bekämpft man Inflation?
Wenn die Inflation zu stark steigt, kommt häufig die Europäische Zentralbank ins Spiel.
Ihr wichtigstes Instrument ist die Geldpolitik, insbesondere die Steuerung der Leitzinsen.
Steigen die Leitzinsen, werden Kredite tendenziell teurer. Unternehmen überlegen genauer, ob sie investieren. Verbraucher finanzieren möglicherweise weniger größere Anschaffungen.
Gleichzeitig können höhere Zinsen das Sparen attraktiver machen.
Die Nachfrage kann dadurch sinken, was den Preisdruck verringern soll.
Das klingt zunächst logisch.
Hat allerdings einen Haken.
Wenn die Nachfrage zu stark gebremst wird, kann auch die Wirtschaft darunter leiden. Unternehmen investieren weniger, Aufträge gehen zurück und Arbeitsplätze können gefährdet werden.
Die Inflation wird also teilweise dadurch bekämpft, dass wirtschaftliche Aktivität reduziert wird.
Ein bisschen so, als würde man versuchen, die Temperatur in der Wohnung zu senken, indem man vorsichtshalber die gesamte Heizung ausbaut.
Das funktioniert möglicherweise.
Hat aber Nebenwirkungen.
Und höhere Zinsen lösen nicht jedes Problem. Wenn beispielsweise Energie knapp ist, entsteht dadurch nicht automatisch mehr Energie.
Deshalb braucht es weitere Maßnahmen.
Mehr Wettbewerb kann Unternehmen unter Druck setzen, ihre Preise konkurrenzfähig zu halten. Stabilere Lieferketten können Engpässe reduzieren. Investitionen in Energieversorgung und Infrastruktur können langfristig Kosten senken.
Auch eine höhere Produktivität kann helfen. Wenn Unternehmen mit vergleichbarem Aufwand mehr herstellen können, lässt sich zusätzlicher Preisdruck begrenzen.
Der Staat kann ebenfalls eingreifen, beispielsweise durch gezielte Entlastungen besonders betroffener Haushalte.
Allerdings ist nicht jede gut gemeinte Maßnahme automatisch hilfreich.
Wenn der Staat die Nachfrage nach ohnehin knappen Gütern zusätzlich ankurbelt, kann das die Preise weiter erhöhen.
Entscheidend ist deshalb immer, welche Ursache die Inflation hat.
Quelle: Deutsche Bundesbank – Fragen und Antworten zur Inflation.
Wer profitiert eigentlich von Inflation?
Bei steigenden Preisen denken wir zunächst an diejenigen, die mehr bezahlen müssen.
Aber Inflation hat nicht ausschließlich Verlierer.
Unter bestimmten Bedingungen können Schuldner profitieren. Wer beispielsweise einen langfristigen Kredit mit festem Zinssatz aufgenommen hat, muss weiterhin denselben nominalen Betrag zurückzahlen.
Steigen gleichzeitig Einkommen und Preise, kann die reale Belastung dieser Schulden sinken.
Das funktioniert allerdings nur dann wirklich gut, wenn das eigene Einkommen entsprechend mitwächst.
Wer dagegen Geld unverzinst auf dem Konto liegen lässt, verliert durch Inflation an Kaufkraft.
Nehmen wir 10.000 Euro.
Bei einer jährlichen Inflation von drei Prozent über fünf Jahre hätten diese 10.000 Euro rechnerisch nur noch die Kaufkraft von rund 8.626 Euro zum heutigen Preisniveau.
Auf dem Konto stehen weiterhin 10.000 Euro.
Es fehlt kein einziger Cent.
Man kann sich davon nur weniger kaufen.
Das ist eigentlich eine bemerkenswerte Leistung.
Das Geld verschwindet nicht. Es verliert lediglich einen Teil seiner Fähigkeiten.
Auch Unternehmen können unterschiedlich betroffen sein. Manche können gestiegene Kosten vollständig weitergeben oder ihre Margen erhöhen. Andere geraten unter Druck, weil ihre Kunden höhere Preise nicht mehr akzeptieren.
Inflation verteilt wirtschaftliche Belastungen also nicht gleichmäßig.
Und genau deshalb sollte man vorsichtig sein, wenn behauptet wird, Inflation treffe uns schließlich alle.
Ja, sie betrifft uns alle.
Aber eben nicht auf dieselbe Weise.
Die Gehälter steigen doch auch. Wo ist also das Problem?
Natürlich sind die Einkommen in Deutschland über die Jahre gestiegen.
Es gab Tarifabschlüsse, Mindestlohnerhöhungen und individuelle Gehaltssteigerungen.
Das sollte man nicht unterschlagen.
Aber ein höheres Gehalt bedeutet nicht automatisch mehr Wohlstand.
Entscheidend ist die Kaufkraft.
Nehmen wir einen Arbeitnehmer, der im Jahr 2020 monatlich 2.000 Euro netto zur Verfügung hatte.
Um sich im September 2026 bei der allgemeinen Preisentwicklung rechnerisch ungefähr denselben Warenkorb leisten zu können, hätte er rund 2.532 Euro benötigt.
Also 532 Euro mehr.
Jeden Monat.
Nicht um sich mehr zu leisten.
Nicht um endlich den langersehnten Luxusurlaub zu buchen.
Sondern um die allgemeine Kaufkraft dieses Ausgangsbetrags zu erhalten.
Das ist eine vereinfachte Modellrechnung. Individuelle Ausgaben, Steuern, Sozialabgaben und Veränderungen der Lebensumstände können zu anderen Ergebnissen führen.
Trotzdem verdeutlicht sie ein grundlegendes Problem.
Wer heute 200 Euro mehr verdient als vor sechs Jahren, ist nicht zwangsläufig wohlhabender geworden.
Vielleicht hat er einfach nur weniger Kaufkraft verloren als ohne die Erhöhung.
Und deshalb sollte man bei Gehaltsverhandlungen nicht ausschließlich darüber sprechen, wie viel Prozent mehr auf der Abrechnung stehen.
Sondern auch darüber, was davon real übrig bleibt.
Eine Gehaltserhöhung, die unterhalb der Preissteigerung liegt, kann nominal ein Plus und real trotzdem ein Minus bedeuten.
Das ist mathematisch völlig korrekt.
Fühlt sich nur nicht besonders nach Wertschätzung an.
Früher reichte ein Gehalt für die ganze Familie. Wirklich?
Ein Satz fällt in Diskussionen über Lebenshaltungskosten besonders häufig:
„Früher konnte ein Mann mit seinem Gehalt eine ganze Familie ernähren.“
Das mag für manche Familien und bestimmte Zeiten zugetroffen haben.
Aber als allgemeine Beschreibung der Vergangenheit ist es zu einfach.
Nicht jede Familie konnte früher von einem Einkommen gut leben. Viele Haushalte mussten schon damals sorgfältig rechnen.
Außerdem haben sich Lebensstandards, Konsumgewohnheiten und gesellschaftliche Strukturen verändert.
Gerade in Ostdeutschland war die Erwerbstätigkeit von Frauen über viele Jahrzehnte deutlich selbstverständlicher als das klassische westdeutsche Alleinverdienermodell.
Deshalb sollte man nicht so tun, als hätte früher grundsätzlich jeder Familienvater mit einem durchschnittlichen Einkommen ein Eigenheim, zwei Autos und drei Urlaubsreisen finanzieren können.
So romantisch war die Vergangenheit nun auch wieder nicht.
Trotzdem bleibt eine berechtigte Frage:
Warum haben heute so viele Menschen das Gefühl, trotz regelmäßiger Arbeit finanziell kaum voranzukommen?
Vielleicht liegt es nicht nur an den gestiegenen Preisen.
Vielleicht auch daran, dass unser Alltag inzwischen aus einer erstaunlichen Vielzahl regelmäßiger Ausgaben besteht.
Früher gab es keine Streaming-Abonnements, keine Cloudspeicher, keine Smartphoneverträge für jedes Familienmitglied und keine digitalen Zusatzpakete für Funktionen, die man eigentlich schon bezahlt zu haben glaubte.
Dafür gab es andere Ausgaben, die heute weggefallen oder günstiger geworden sind.
Technischer Fortschritt hat uns vieles erleichtert.
Aber auch völlig neue Möglichkeiten geschaffen, jeden Monat Geld auszugeben.
5,99 Euro hier.
9,99 Euro dort.
Einmal jährlich 49,99 Euro.
Und irgendwo läuft seit drei Jahren noch ein Abonnement, von dem niemand mehr weiß, wofür es eigentlich abgeschlossen wurde.
Aber immerhin können wir es jederzeit online kündigen.
Vorausgesetzt, wir finden den entsprechenden Menüpunkt.
Warum Inflation Menschen mit wenig Geld besonders hart trifft
Die offizielle Inflationsrate beschreibt die durchschnittliche Preisentwicklung eines umfangreichen Warenkorbs.
Nur lebt niemand in diesem statistischen Warenkorb.
Ein Rentner hat andere Ausgaben als eine Familie mit zwei Kindern. Ein Pendler ist anders von Kraftstoffpreisen betroffen als jemand, der zu Fuß zur Arbeit geht.
Und wer einen großen Teil seines Einkommens für Lebensmittel, Energie und Wohnen benötigt, kann auf Preissteigerungen nur begrenzt reagieren.
Ein Haushalt mit hohem Einkommen kann möglicherweise weniger sparen oder größere Anschaffungen verschieben.
Ein Haushalt mit niedrigem Einkommen hat diese Möglichkeiten oft nicht.
Was soll er noch streichen?
Die zweite Wohnung?
Den dritten Urlaub?
Den wöchentlichen Restaurantbesuch?
Ach, richtig.
Den gab es ja gar nicht.
Wenn ein Haushalt bereits einen großen Teil seines Einkommens für notwendige Ausgaben benötigt, treffen zusätzliche Preissteigerungen besonders hart.
Und irgendwann geht es nicht mehr darum, ob man weniger spart.
Sondern darum, worauf man noch verzichten kann.
Besonders problematisch wird es, wenn Menschen trotz Vollzeitarbeit kaum finanzielle Rücklagen aufbauen können.
Denn ein funktionierendes Wirtschaftssystem sollte mehr ermöglichen als die pünktliche Bezahlung aller Rechnungen.
Arbeit sollte auch die Möglichkeit bieten, etwas aufzubauen.
Eine unerwartete Reparatur bezahlen zu können.
Gelegentlich zu verreisen.
Oder einfach einkaufen zu gehen, ohne vorher den Kontostand zu prüfen.
Natürlich kann nicht jeder alles haben.
Darum geht es auch nicht.
Es geht um die Frage, ob sich Arbeit im Alltag spürbar auszahlt.
Vielleicht ist nicht alles zu teuer. Vielleicht verdienen manche einfach zu wenig.
Das ist eine Frage, über die wir meiner Meinung nach viel häufiger sprechen sollten.
Wenn es um Inflation geht, diskutieren wir fast ausschließlich über Preise.
Warum kostet das Brot so viel?
Warum ist der Strom so teuer?
Warum verlangt der Vermieter schon wieder mehr?
Alles berechtigte Fragen.
Aber vielleicht sollten wir auch die andere Seite betrachten.
Die Einkommen.
Die Entwicklung der Reallöhne.
Die Verteilung wirtschaftlicher Belastungen.
Und die Frage, weshalb manche Menschen trotz regelmäßiger Vollzeitarbeit Schwierigkeiten haben, Rücklagen zu bilden.
Denn selbst wenn die Inflationsrate wieder dauerhaft bei zwei Prozent liegen würde, wären die Preissteigerungen der vergangenen Jahre damit nicht verschwunden.
Das Leben würde lediglich langsamer teurer werden.
Für Menschen, deren Einkommen bereits heute kaum ausreicht, wäre das allein noch keine Lösung.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber jubeln, dass die Inflation um ein paar Zehntelprozentpunkte gesunken ist.
Und mehr darüber sprechen, wie sich die tatsächliche Kaufkraft entwickelt.
Denn am Ende entscheidet nicht die Zahl auf der Gehaltsabrechnung darüber, wie gut wir leben.
Sondern das, was wir uns davon leisten können.
Die Statistik sagt 3,3 Prozent. Mein Konto hat eine andere Meinung.
Wirtschaftliche Statistiken sind wichtig.
Sie helfen dabei, Entwicklungen zu verstehen und vergleichbar zu machen.
Aber ein Durchschnittswert bildet nicht automatisch die Lebenswirklichkeit jedes einzelnen Menschen ab.
Wenn die Inflationsrate bei 3,3 Prozent liegt, bedeutet das nicht, dass jeder Haushalt exakt 3,3 Prozent mehr ausgeben muss.
Manche sind stärker betroffen.
Andere weniger.
Wer keine Kraftstoffe benötigt, erlebt steigende Benzinpreise anders als ein Pendler. Wer eine günstige Wohnung mit langfristigem Mietvertrag hat, ist möglicherweise weniger belastet als jemand, der gerade eine neue Wohnung suchen muss.
Deshalb können offizielle Inflationszahlen und das persönliche Gefühl finanzieller Belastung erheblich auseinanderliegen.
Beides kann gleichzeitig richtig sein.
Die Statistik muss nicht falsch sein.
Und der Mensch, der sich über steigende Lebenshaltungskosten beschwert, muss nicht übertreiben.
Vielleicht reden beide einfach über unterschiedliche Dinge.
Die Statistik über einen durchschnittlichen Warenkorb.
Der Mensch über seinen eigenen.
Und am Ende bezahlt nun einmal jeder seinen eigenen Einkauf.
Nicht den statistischen Durchschnitt.
Meine Zwischenfrage: Wann wird aus wirtschaftlichem Wachstum eigentlich wieder persönlicher Wohlstand?
Wir reden ständig über Inflationsraten, Leitzinsen, Wirtschaftswachstum und Preisstabilität.
Wir diskutieren darüber, ob die Inflation um 0,2 Prozentpunkte steigt oder fällt.
Ob die Europäische Zentralbank die Zinsen senkt.
Ob die Wirtschaft wächst.
Und natürlich ist das alles wichtig.
Aber vielleicht sollten wir uns gelegentlich eine viel einfachere Frage stellen:
Was nützt es uns, wenn die Wirtschaft wächst, die Gehälter auf dem Papier steigen und die Inflation irgendwann wieder bei zwei Prozent liegt, wenn sich viele Menschen am Ende des Monats trotzdem weniger leisten können als früher?
Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass wir vergessen haben, wie man spart.
Vielleicht haben wir uns nur zu sehr daran gewöhnt, dass immer mehr von unserem Einkommen bereits verplant ist, bevor wir überhaupt darüber verfügen können.
Und vielleicht sollten wir aufhören, jede Gehaltserhöhung als Wohlstandsgewinn zu feiern, solange sie lediglich einen Teil der gestiegenen Lebenshaltungskosten ausgleicht.
Denn Wohlstand bedeutet nicht, dass irgendwo eine beeindruckende Zahl in einer Wirtschaftsstatistik steht.
Wohlstand bedeutet auch, dass Menschen von ihrer Arbeit vernünftig leben können.
Dass sie Rücklagen bilden können.
Dass unerwartete Rechnungen nicht sofort zur finanziellen Katastrophe werden.
Und dass am Ende des Monats vielleicht sogar noch etwas Geld übrig bleibt.
Für die schönen Dinge des Lebens.
Oder wenigstens für eine Kugel Eis.
Ohne Ratenzahlung.
Und deshalb meine Zwischenfrage: Haben wir eigentlich ein Inflationsproblem – oder längst auch ein Problem damit, wie viel vom erwirtschafteten Wohlstand tatsächlich bei den Menschen ankommt?