Made in Germany. Die Arbeitsplätze gibt’s jetzt woanders.
Darf ich kurz unterbrechen?
Deutschland hat ein Problem.
Uns fehlen Fachkräfte. Überall. Zumindest hört man das ständig.
Gleichzeitig scheinen wir aber auch zu viele Arbeitsplätze zu haben. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum Unternehmen einerseits händeringend Personal suchen und andererseits überlegen, welche Arbeiten sie künftig lieber im Ausland erledigen lassen.
Natürlich sagt das niemand so.
Man spricht von Transformation, globaler Wettbewerbsfähigkeit und strategischer Neuausrichtung.
Früher hätte man gesagt: „Hier ist es uns zu teuer.“
Heute braucht man dafür drei Unternehmensberater, eine englische Überschrift und eine PowerPoint-Präsentation.
Und am Ende steht auf der letzten Folie:
„Gemeinsam gestalten wir die Zukunft.“
Die Frage ist nur: Wer ist mit „wir“ eigentlich gemeint?
Made in Germany. Hauptsache, das Logo bleibt hier.
Deutschland ist stolz auf seine Industrie. Auf Ingenieurskunst, Facharbeiter, Qualität und Zuverlässigkeit.
„Made in Germany“ hat einen guten Ruf.
Und den möchte man selbstverständlich behalten.
Die Marke bleibt deutsch. Die Konzernzentrale auch. Das Produkt wird weiterhin hier verkauft.
Nur die Produktion, die IT-Abteilung oder der Kundenservice sitzen möglicherweise längst woanders.
Dafür gibt es wunderbare Begriffe.
Outsourcing: Ein externer Dienstleister übernimmt Aufgaben.
Nearshoring: Arbeit wird in ein näher gelegenes Ausland verlagert.
Offshoring: Arbeit wandert ins Ausland, häufig auch in weiter entfernte Länder.
Die Begriffe beschreiben unterschiedliche Dinge, die sich durchaus überschneiden können. Aber eines haben sie gemeinsam: Sie klingen wesentlich eleganter als „Wir lassen das jetzt woanders machen“.
Besonders Nearshoring.
Fast wie ein Reiseprospekt.
Sonne, Meer, internationale Zusammenarbeit.
Nur dass nicht der Mitarbeiter in den Urlaub fährt.
Sondern sein Arbeitsplatz.
Und wenn man die Verlagerung besonders geschickt organisiert, darf der bisherige Mitarbeiter vielleicht sogar noch seinen Nachfolger einarbeiten.
Das nennt man Wissenstransfer.
Eine bemerkenswerte Erfindung: Man erklärt jemandem, wie er die eigene Arbeit übernehmen kann, damit man anschließend selbst keine mehr hat.
50.800 Arbeitsplätze weniger. Aber alles ganz strategisch.
Jetzt könnte man meinen, ich übertreibe.
Also schauen wir uns lieber die Zahlen an.
Laut einer Untersuchung des Statistischen Bundesamts vom November 2025 haben zwischen 2021 und 2023 rund 1.300 größere Unternehmen Unternehmensfunktionen ins Ausland verlagert.
Dabei wurden in Deutschland etwa 71.100 Arbeitsplätze abgebaut und rund 20.300 neue geschaffen.
Unterm Strich: 50.800 Arbeitsplätze weniger.
Und warum?
74 Prozent der verlagernden Unternehmen nannten niedrigere Lohnkosten als Motiv. Bei 38 Prozent spielte der Fachkräftemangel in Deutschland eine Rolle.
Man muss sich das einmal vorstellen.
Wir haben zu wenig Fachkräfte.
Die vorhandenen sind uns teilweise zu teuer.
Also verlagern wir ihre Arbeit ins Ausland.
Und beklagen anschließend wieder den Fachkräftemangel.
Das muss diese Kreislaufwirtschaft sein, von der immer alle sprechen.
Fairerweise: Nur 2,2 Prozent der untersuchten Unternehmen mit mindestens 50 Beschäftigten verlagerten im betrachteten Zeitraum tatsächlich Aufgaben ins Ausland.
Es wandert also keineswegs die gesamte deutsche Wirtschaft ab.
Für die betroffenen Beschäftigten dürfte diese statistische Beruhigung allerdings wenig hilfreich sein.
„Ihr Arbeitsplatz ist zwar weg, aber Sie gehören zu einer vergleichsweise kleinen Gruppe.“
Na, dann ist ja alles gut.

Boeing: Wenn man alles verteilt und am Ende nichts zusammenpasst.
Dass Outsourcing nicht automatisch ein Erfolgsrezept ist, zeigt ein Blick auf Boeing.
Beim Dreamliner 787 setzte der Flugzeugbauer auf ein weitreichendes internationales Netzwerk von Zulieferern, die große Teile der Entwicklung und Fertigung übernahmen.
Die Idee dahinter war durchaus nachvollziehbar: Risiken verteilen, spezialisierte Partner nutzen und die Entwicklung beschleunigen.
Nur lief die Sache nicht ganz so reibungslos wie erhofft.
Komplexe Abstimmungen, Qualitätsprobleme und Schwierigkeiten bei Zulieferern trugen zu erheblichen Verzögerungen bei. Boeing musste stärker eingreifen und Teile der Kontrolle zurückholen.
Ein ehemaliger Boeing-Ingenieur schilderte 2025 die Probleme dieser Auslagerungsstrategie.
Natürlich war Outsourcing nicht die einzige Ursache für die Schwierigkeiten des Dreamliners.
Aber der Fall zeigt ziemlich eindrucksvoll, dass man Arbeit zwar verteilen kann.
Verantwortung offenbar nicht ganz so einfach.
Vielleicht hätte man das vorab auf eine PowerPoint-Folie schreiben sollen.
„Risiken erfolgreich ausgelagert. Probleme weiterhin bei uns.“
Slack: Manchmal ist Outsourcing tatsächlich eine gute Idee.
Bevor jetzt jemand glaubt, ich hätte grundsätzlich etwas gegen externe Dienstleister: Nein.
Ein Beispiel für den sinnvollen Einsatz externer Spezialisten liefert Slack.
In der frühen Entwicklungsphase arbeitete das Unternehmen mit der Designagentur MetaLab zusammen. Die Agentur unterstützte unter anderem bei der Gestaltung der Benutzeroberfläche und des Markenauftritts.
Das Ziel war nicht einfach, vorhandene Beschäftigte durch billigere zu ersetzen.
Man holte sich Fähigkeiten ins Unternehmen, die beim Aufbau eines neuen Produkts hilfreich waren.
Die Designagentur MetaLab stellt ihre Arbeit für Technologieunternehmen auf ihrer Website vor.
Natürlich beweist das nicht, dass der spätere Erfolg von Slack allein auf diese Zusammenarbeit zurückzuführen ist.
Aber es zeigt einen entscheidenden Unterschied.
Man kann Aufgaben auslagern, um besser zu werden. Oder man kann sie auslagern, um billiger zu werden.
Manchmal gelingt sogar beides.
Nur sollte man das vielleicht vorher prüfen.
Und nicht erst dann, wenn die Kunden feststellen, dass der neue Prozess zwar 30 Prozent weniger kostet, aber leider auch nur noch gelegentlich funktioniert.
Trigema: Offenbar hat niemand erklärt, dass Produktion in Deutschland unmöglich ist.
Und dann gibt es Unternehmen, die einen ganz anderen Weg gehen.
Zum Beispiel Trigema.
Der deutsche Bekleidungshersteller setzt seit Jahrzehnten auf eine weitgehend eigene textile Fertigung in Deutschland.
Nach Angaben des Unternehmens finden die textilen Produktionsschritte vom Garn bis zum fertigen Kleidungsstück im eigenen Betrieb statt.
Natürlich kommen auch dort Rohstoffe aus internationalen Lieferketten. Trigema ist kein wirtschaftlich vollständig abgeschottetes Unternehmen.
Aber die Entscheidung, die textile Produktion in Deutschland zu halten, ist bemerkenswert.
Vor allem in einer Branche, in der internationale Fertigung längst zum Alltag gehört.
Man könnte fast meinen, dass es unterschiedliche Unternehmensstrategien gibt.
Die einen erklären, warum Produktion in Deutschland auf Dauer nicht mehr möglich sei.
Die anderen produzieren weiterhin hier.
Das bedeutet nicht, dass jedes Unternehmen einfach das Trigema-Modell übernehmen könnte.
Aber es zeigt, dass „alternativlos“ manchmal ein ziemlich großes Wort ist.
Vielleicht sogar größer als die tatsächlichen Alternativen.
Der Kundenservice ist jetzt international. Der Ärger bleibt regional.
Besonders spannend wird es bei Dienstleistungen.
Denn hier muss nicht einmal eine Fabrik umziehen.
Ein paar Zugänge, neue Prozesse, Schulungen und eine funktionierende Internetverbindung reichen manchmal schon, um Aufgaben an einen anderen Standort zu übertragen.
Kundenservice, IT-Support, Buchhaltung oder Verwaltung: Vieles lässt sich heute über Landesgrenzen hinweg organisieren.
Das kann durchaus funktionieren.
Menschen in Polen, Portugal, Rumänien oder Indien sind schließlich nicht weniger kompetent als Menschen in Deutschland.
Aber die entscheidende Frage lautet doch:
Geht es darum, etwas besser zu machen? Oder nur billiger?
Denn guter Kundenservice besteht nicht allein daraus, möglichst viele Gespräche in möglichst kurzer Zeit zu führen.
Und eine IT-Abteilung wird nicht automatisch effizienter, nur weil ihre Personalkosten niedriger sind.
Erfahrung, Produktkenntnis und funktionierende Abläufe haben schließlich ebenfalls einen Wert.
Nur lässt sich der manchmal etwas schwieriger in eine Excel-Tabelle eintragen.
Aber vielleicht merkt das niemand.
Schließlich wurde die durchschnittliche Bearbeitungszeit erfolgreich reduziert.
Dass der Kunde inzwischen zum vierten Mal anruft, steht auf einer anderen Folie.
Deutschland ist zu teuer. Verkaufen können wir hier aber weiterhin.
Natürlich gibt es wirtschaftliche Gründe für Auslandsinvestitionen.
Hohe Energiekosten, Bürokratie, Arbeitskosten und internationaler Wettbewerb sind reale Herausforderungen.
Und nicht jede Investition im Ausland bedeutet automatisch, dass in Deutschland Arbeitsplätze verschwinden.
Manche Unternehmen erschließen neue Märkte und schaffen dadurch sogar zusätzliche Beschäftigung.
Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die Entwicklung.
Laut einer DIHK-Sonderauswertung zu Auslandsinvestitionen 2026 planten 43 Prozent der befragten Industrieunternehmen Investitionen im Ausland.
Bei 41 Prozent der Unternehmen mit entsprechenden Investitionsplänen spielte Kostenersparnis eine Rolle.
Das sind Investitionsabsichten, nicht automatisch vollzogene Arbeitsplatzverlagerungen.
Aber die Kostenfrage ist offensichtlich ein wichtiger Faktor.
Deutschland bleibt dabei selbstverständlich ein interessanter Absatzmarkt.
Hier werden Autos gekauft, Versicherungen abgeschlossen, Mobilfunkverträge bezahlt und Haushaltsgeräte bestellt.
Nur bei der Frage, wo die Arbeit dafür stattfinden soll, wird plötzlich sehr international gedacht.
Vielleicht sollten wir unser altes Qualitätssiegel etwas anpassen.
„Made for Germany. Produced wherever it's cheaper.“
Klingt doch hervorragend.
Zumindest für die Bilanz.
Und was bleibt eigentlich hier?
Ich habe nichts gegen Globalisierung.
Auch nichts gegen internationale Zusammenarbeit oder Menschen, die in anderen Ländern arbeiten.
Aber ich finde, wir sollten darüber sprechen, was passiert, wenn Unternehmen über Jahrzehnte von einem Standort profitieren und anschließend feststellen, dass derselbe Standort plötzlich zu teuer geworden ist.
Denn Arbeitsplätze sind mehr als Zahlen in einer Excel-Tabelle.
Daran hängen Familien, Kaufkraft, Steuereinnahmen, Ausbildung und ganze Regionen.
Natürlich müssen Unternehmen wirtschaftlich handeln.
Natürlich müssen sie sich verändern.
Und natürlich kann eine Verlagerung manchmal notwendig sein, um ein Unternehmen insgesamt zu sichern.
Aber vielleicht sollten wir aufhören, jede eingesparte Stelle automatisch als Erfolg zu feiern.
Denn nicht alles, was für einen Konzern günstiger wird, ist deshalb auch für unsere Gesellschaft ein Gewinn.
Vor allem dann nicht, wenn Erfahrung verloren geht, Regionen wirtschaftlich geschwächt werden und Beschäftigte nach Jahrzehnten plötzlich erfahren, dass ihre Arbeit zwar weiterhin gebraucht wird – nur eben nicht mehr von ihnen.
Vielleicht wäre das einmal eine zusätzliche Kennzahl für den nächsten Geschäftsbericht.
„Gesellschaftliche Folgekosten unserer Effizienzsteigerung.“
Wird vermutlich nicht besonders beliebt.
Passt aber bestimmt noch auf eine Folie.
Mal eine Zwischenfrage zum Schluss:
Wenn wir in Deutschland angeblich zu teuer sind, um hier zu produzieren, zu entwickeln oder Kunden zu betreuen, aber weiterhin gut genug, um all diese Produkte und Dienstleistungen zu bezahlen:
Was genau soll dann eigentlich langfristig noch „Made in Germany“ sein?
Und vor allem:
Wer soll sich das alles irgendwann noch leisten können, wenn wir die Arbeitsplätze gleich mit exportieren?